30.6.06

Robert Gernhardt (1937-2006)

Am siebenten Tage aber legte Gott die Hände
in den Schoß und sprach:

Ich hab vielleicht was durchgemacht,
ich hab den Mensch, den Lurch gemacht,
sind beide schwer mißraten.

Ich hab den Storch, den Hecht gemacht,
hab sie mehr schlecht als recht gemacht,
man sollte sie gleich braten.

Ich hab die Nacht, das Licht gemacht,
hab beide schlicht um schlicht gemacht,
mehr konnte ich nicht geben.

Ich hab das All, das Nichts gemacht,
ich fürchte, es hat nichts gebracht.
Na ja. Man wird's erleben.

Schöpfer und Geschöpfe.
Aus: Robert Gernhardt, Über alles

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Gefightet bis zum Schluß (M. Ballack)

Wortmann: Pathos finde ich wunderbar.
Kahn: Schön. Ja, ich mag Pathos.
Wortmann: Es ändert sich ja gerade in unserem Land, dass Pathos nicht sofort eine Gegenreaktion hervorruft. Beim Spielfilm kann ein elfjähriger Junge dem Helmut Rahn den Ball zuwerfen, damit der das 3:2 schießt. Natürlich setze ich da Geigen ein. (SPIEGEL 26/2006:162)

Geigen und Beckmann - das hätte ich nicht ausgehalten. Meine Nerven sind sowieso schon im Eimer. Um es mit Reinhold "Ich wiederhole mich da gerne" Beckmann zu sagen: Es war kein schönes, aber ein spannendes Spiel. Es war kein schönes, aber ein spannendes Spiel. Es war kein schönes, aber ein spannendes Spiel.

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28.6.06

Nostalgie und Ernüchterung

Die WM stimmt nostalgisch, ist es doch trotz ständig wechselnder Spielernamen im wesentlichen immer das gleiche Ritual, das hier alle vier Jahre abläuft. Daran können auch vereinzelte Manifestationen einer kühler werdenden Zeit wie der FIFA-Markenwahn oder die durchrationalisierte taktische Vorbereitung der Teams nichts ändern. Das Golden Goal ist dankenswerterweise wieder in der Rumpelkammer der Fußballmodernisierung verschwunden, und die jedes Mal pünktlich zur Finalrunde lautwerdenden Rufe nach einer technischen oder personellen Erneuerung des Schiedsrichtersystems gehören mittlerweile selbst zum Ritual, statt daß sie irgendwelche Konsequenzen nach sich ziehen.
Die Erinnerung an goldene Jugendzeiten motiviert derweil zahlreiche erwachsene Sammler von Panini- und sonstigen Fußballbildchen. Selbiges war leider nie mein Ding, dafür entdecke ich an ganz anderer Stelle Relikte aus der Vergangenheit in meinem Tagesablauf. Es ist dies eine besonders vergangene Vergangenheit: die mythische Ära vor der Verbreitung des Internets. Seit Beginn der WM kommt der gute alte Videotext bei mir zu neuen Ehren, und auch Informationen auf gedrucktem Papier finde ich dem Ereignis weitaus angemessener als solche aus dem Netz. Jeder WM-Spielplan beweist die Überlegenheit dieses Mediums in Fußballangelegenheiten. Irgendwie haben auch die WM-Ausgaben von Spiegel, Kicker und Elf Freunde den Weg in meinen Haushalt gefunden, und ein Spiel ist für mich erst mit der Analyse aus der Rundschau richtig abgeschlossen, selbst wenn ich zwei Tage darauf warten muß.
Umso trauriger stimmt mich heute das einmütige Schweiz-Bashing von FR und taz. Die wollten doch nur spielen! Natürlich war das Match gegen die Ukraine unterirdisch mies, aber wie für die DDR gilt auch hier: Es war nicht alles schlecht! Zwei WM-Rekorde: Ausscheiden ohne Gegentor und die Unfähigkeit eines einzigen erfolgreichen Elfmeters - das ist doch auch was. Im persönlichen Bereich läßt sich der Situation ebenfalls Positives abgewinnen: Partnerschaftliche Spannungen eines möglichen Halbfinales Deutschland-Schweiz konnten bereits im Ansatz vermieden werden. In den deutschen Medien stehen der Schweiz und den Schweizern allerdings harte Zeiten bevor, selbst in der Lindenstraße: Der kellnernde Primat aus dem Restaurant "Akropolis", von Beginn an kein Sympathieträger, geht einer neuen Hochphase entgegen, und auch der liebenswerte Hallodri Alex kommt nicht mehr besonders gut weg. Die taz titelt heute sogar apodiktisch: "Die Schweiz ist kein Vorbild" - aber halt: Es geht nur ums Gesundheitssystem. Nochmal Glück gehabt.

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26.6.06

Es wird ernst

Ein etwas eigenwilliges Verständnis vom K.O.-System der Finalrunde bewiesen gestern abend die Mannschaften Portugals und der Niederlande, von denen man nicht wußte, ob sie sich gegenseitig aus dem Turnier prügeln wollten oder aber die Regeln so interpretierten, daß dasjenige Team verliert, bei dem als erstes alle Spieler vom Platz gestellt werden. Demgegenüber verlief die eben zu Ende gegangene Begegnung Italien-Australien trotz Gattuso und australischer Rustikalität fast zivil, wenngleich auch hier ein Platzverweis Günter Netzer dazu veranlaßte, das alte Lied von den Gefahren der Überzahl zu singen. Wenn es so einfach ist, den Gegner zu verwirren, fragt man sich, warum nicht alle Mannschaften gleich von Beginn an mit einem Spieler weniger auflaufen.
Insgesamt steht der Schweiz (so sie es schafft, heute abend die Ukraine zu besiegen) ein interessantes Viertelfinale gegen Italien bevor. Immerhin hat das Schweizer Team bei dieser WM ebenfalls schon Erfahrung mit den Wrestling-Aspekten des Fußballs sammeln können, seit Senderos sich im Gruppenspiel gegen Südkorea eine blutige Nase beim Kopfballduell holte und den Gegner zum Tragen eines erniedrigend bescheuert aussehenden Zipfelmützen-Kopfverbands verdammte. Ein bißchen bange macht es da schon, daß ausgerechnet Senderos heute - anderweitig verletzungsbedingt - pausieren muß. So bleibt es vor allem Torwart Zuberbühler überlassen, dafür zu sorgen, daß die Schweiz das Turnier auch weiterhin ohne Gegentore übersteht. Das gelang in dieser WM keiner anderen Mannschaft. Merkt auf, wenn ihr Deutsche seid!

Nachtrag: Na gut, zurück zum ursprünglichen Fahrplan: Europameister 2008 mit Heimvorteil und etwas gereiften Spielern. Ob's daran lag, daß Pflänzli mangels Daumen keine drücken konnte? Jetzt braucht es erstmal Trost, genau wie der völlig fertige Urs Meier. Ich weiß allerdings nicht, ob sich S. Kuzmanys Einschätzung, die Ukraine sei die schwächste Mannschaft, die jemals ein WM-Viertelfinale erreicht habe, wirklich dazu eignet.

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Deutsches Bier und deutscher Sang

Die Debatte um Patriotismus, Deutschlandfahnen und Nationalstolz während der WM ist recht ausgiebig geführt worden. Genereller Konsens scheint zu sein: Alles halb so wild, seit hierzulande Fun statt Faschismus angesagt ist. Die Identifikation vieler Hardcore-Fans bezieht sich offenbar ohnehin auf ein virtuelles Staatswesen namens "Schland", was eklig, aber recht harmlos klingt und insofern eigentlich ganz gut paßt. Die martialischen "Sieg"-Rufe tönen zwar immer noch unangenehm, sind aber seltener geworden. Und "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" ist eine deutliche Verbesserung gegenüber den unseligen Zeiten, in denen man lieber nach - beispielsweise - Paris fahren wollte. Mit all dem kann man ganz gut leben, solange Indianer-Koch die Klappe hält. Die große Frage, wie es nach der WM weitergeht, bleibt allerdings offen. All die realen und ausgedachten Probleme, die man in der allgemeinen Partystimmung auf Eis gelegt wähnt, sind ja keineswegs verschwunden. Um noch einmal Tammo Sachs, dem Erfinder des Lyrik-Spammings, das Wort zu geben: was jeder nun vergessen hat: / wir leben / in nem / schuldenstaat.

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25.6.06

Lang ist die Kunst, und ein Spiel dauert 90 Minuten

Schön zu sehen, daß nicht nur mein eigenes Gehirn ob der anhaltenden Hitze deutliche Erweichungstendenzen zeigt, sondern auch beispielsweise dasjenige von Tammo Sachs, den dieser Umstand allerdings mitten in einer ergiebigen Phase der SMS-Lyrikproduktion trifft. So vermag das barockisierende Kurzgedicht

Ach!
was ist der Blog
eitle Selbstbespiegelung
eines alten
geilen
Bocks


weder formal (Metrik!) noch inhaltlich zu überzeugen. Eitle Selbstbespiegelung - okay, aber läßt sich das mit dem Bock wirklich verallgemeinern? Fraglich auch der Wahrheitsgehalt dieses Zweieinhalbzeilers:

Die ganze Spielkultur wird netter
verteilt der Trainer
Kokablätter


Man sieht immerhin: Am Thema dieser Tage kommen auch die schönen Künste nicht vorbei.

24.6.06

In den Füßen des Schicksals

Normalerweise hätte ich mich sehr gewundert über die Entscheidung der ARD, von den parallel laufenden Spielen der Gruppe G keineswegs das Spiel des Gruppenersten Schweiz gegen den Gruppenzweiten zu übertragen, sondern dasjenige der beiden Gruppenloser, deren einer (Togo) sogar bereits ausgeschieden war. Da ich aber in den vorangegangenen Tagen sowieso vom Pech verfolgt worden war, nahm ich das eher gleichmütig als weitere unbegreifliche Entscheidung eines rätselhaften Schicksals hin und suchte ein irisches Pub auf, um die Schweiz wenigstens in einem kleinen Nebenzimmer spielen zu sehen, in angstvoller Erwartung weiteren Ungemachs, das der Abend dem Schweizer Team und mir bescheren mochte.
Insofern kam der Gemeinschaftsgefühls-GAU, der uns in dem Separée zunächst erwartete, nicht wirklich überraschend: Renate und ich sahen uns einem halben Dutzend US-Amerikaner beiderlei Geschlechts gegenüber, die aus okkulten Gründen Südkorea unterstützen, und zwar sehr, sehr lautstark. ("I don't know what's happening, but - YES!" schrie eine der Damen - gleich zwei Vorurteile auf einmal bedienend - nach einer Abseitsentscheidung mit einem Organ, das Pflänzli in Sekundenbruchteilen zum Welken gebracht hätte, wäre es dabeigewesen.) Hätte ich mich in meinem Blog und Leben differenzierter und verständnisvoller zur amerikanischen Politik und Kultur äußern sollen? War das die Rache?
Aber nein: Innerhalb kurzer Zeit drängten so viele Schweizer und Sympathisanten in den Raum, wie er nur zu fassen vermochte, die Korea-Anhänger in die hoffnungslose Minderzahl verweisend, Renate zauberte eine eigens als Überraschung erworbene Schweizer Flagge zum Ersatz meiner eigenen, im Wohnungschaos verlorenen hervor, und alles, wie die Fußballgeschichte weiß, wurde gut. Sollte meine Pechsträhne damit zu Ende gegangen sein? Eben gerade hat sich die Lehne meines Ikea-Schreibtischstuhls nach langen Jahren aufopferungsvoller Tätigkeit von mir verabschiedet. Es bleibt also spannend.

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21.6.06

Für und wider und egal

Wie leicht fällt es in diesen Tagen, sich durch Fußballübertragungen von der Arbeit abhalten zu lassen! Problematisch nur, daß das schönste Spiel keinen Spaß macht, wenn man beiden beteiligten Mannschaften völlig leidenschaftslos gegenübersteht. Vor allem der Zusammenstellung der Gruppe H verdanke ich schöne Stunden produktiver Tätigkeit an den entsprechenden Spieltagen. Für irgendwen sollte man schon sein, zur Not auch gegen. Die Hoffnung auf Erfolge beim Tippen bringt mein Blut dagegen kaum in Wallung, da ich in der Regel sowieso auf geradezu groteske Weise danebenliege. Stattdessen gilt es, auch die willkürlichsten persönlichen Sympathien und Antipathien zu hegen & pflegen wie zarte Pflänzchen. Schwierig wird es allerdings dann, wenn beim Blick auf die Tabelle Herz und Verstand unterschiediche Signale aussenden. So fand ich mich heute in der Situation wieder, mir viele, viele Tore für Portugal zu wünschen, obgleich mich Cristiano Ronaldos Mannschaft eher kalt läßt - aber Angolas Weg in die Finalrunde hätte es erleichtert. Resultat: vergebens. Ade, Goncalves! Ade, Joao Ricardo! Schwacher Trost: drei seltene Tipp-Punkte für das 2:1. Noch schlimmer gestern abend Schweden gegen England: das mittsommernachtsromantische Herz eindeutig für Schweden, der Verstand aber für England - zum einen, um noch die Chance auf einen ... hm ... Farbtupfer in Gestalt von Trinidad und Tobago in dieser europäisch-lateinamerikanischen Veranstaltung zu haben, zum anderen, um der Menschheit die direkte Begegnung der Körperformen von Oliver Neuville und Peter Crouch zu ersparen. Wenigstens in dieser Hinsicht hatte der Gott des Rasensports ein Einsehen. Aber wenn Deutschland am Samstag gegen Schweden verliert, hab' ich nichts gesagt.

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20.6.06

Fear and Loathing im FIFA-Land

Frankfurter Rundschau: Dann ist diese WM ja die ideale Veranstaltung, um die Gesellschaft von Konflikten, Stress und Frustrationen zu befreien?
Klaus Theweleit: Allerdings nur, falls es gelingt, das von den ganzen mitlaufenden Nationalismen und diesem "Wir-sind-wir" frei zu halten. Dann ist diese WM ein zivilisatorischer Akt. (FR 20.06.2006:24)

Diesen zivilisatorischen Akt sollte man wohl vor allem an dem US-Torwart Keller vollziehen, dem nach dem 1:1 gegen Italien angesichts des (ebenfalls ausgesprochen unzivilisierten) Fouls von de Rossi an McBride nicht Besseres einfiel als: "Wir haben unser Blut gegeben für Land und Team". Ein bißchen one-tracked sind diese Leute irgendwie schon, oder? Die WM mit kriegerischen Kreuzzügen verwechselte offenbar auch der amerikanische Trainer, der gleich die ganze Bandbreite an landestypisch pathetischem Geschwafel vom Stapel ließ: "Bruce Arena (...) sprach davon, dass 'unsere Mission noch nicht beendet' sei, man könne 'unglaublich stolz sein', jeder habe 'für sein Land und unser Team gekämpft'" (FR 19.06.2006:17).
Arena schafft es trotzdem nur auf Platz 2 meiner höchst subjektiven Hitliste der unsympathischsten Trainer, die unangefochten vom argentinischen Mexikaner Ricardo La Volpe dominiert wird. Diesem Mann möchte ich nicht auch nur im Halbdunklen begegnen. Selbst mein automatischer Kettenraucher-Sympathiebonus hilft hier nicht weiter. Gut, daß es auch ausgesprochen liebenswürdige Gestalten unter den Trainern gibt: Köbi Kuhn etwa, nicht nur aus landsmannschaftlichen Gründen einer meiner Favoriten, den großartigen Karel Brückner oder den angolanischen "Professor" Goncalves, aus dessen Mannschaft außerdem mein Lieblingsspieler kommt: der herrlich entspannte und unambitionierte (und obendrein recht gutaussehende) Torwart Joao Ricardo. Welch ein Unterschied zum übermotivierten Ekelpaket Cristiano Ronaldo, der auf dem exakt entgegengesetzten Ende meiner persönlichen Sympathieskala wohnt.
Apropos - ich hatte neulich das Pech, nicht schnell genug von der Werbung wegzulaufen und erlebte in einem Bonaqua-Spot die vielleicht furchtbarsten Sekunden meines Lebens: Johannes B. Kerner dank Computeranimation in dutzendfacher Ausführung! Wer, bitte, denkt sich zur Verkaufsförderung eine solche Horrorvision aus?

Nachtrag: Marcus mag La Volpe und nennt gute Gründe. Hilft jetzt aber auch nix mehr.

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18.6.06

Ach so

Horst Seehofer meint es ernst: "Ich möchte als Verbraucherminister gesündere Luft zum Atmen". Der Mann hat Mut, legt er sich damit doch nicht nur mit den verschiedensten Industriebranchen, sondern auch mit der mächtigen Lobby der Autoproduzenten an, die er auf strenge Emissionsgrenzwerte festlegen möchte und die zusätzlich noch die Kröte einer massiven Subventionierung des öffentlichen Verkehrs zu schlucken haben werden, wenn es nach Seehofer geht. Auch den ADAC dürfte es nicht fröhlich stimmen, wenn Seehofer sich gegen das Prinzip "Freie Fahrt für freie Bürger" wendet, indem er darauf verweist, daß individuelle Freiheiten nur insoweit Bestand haben können, wie schützenswerte Interessen Dritter ... Moment? Was? Hat er alles gar nicht gesagt? Da lag wohl ein Mißverständnis vor: Der Satz mit der gesünderen Luft bezog sich alleine auf den Nichtraucherschutz: "Rauchverbot ist Gemeinwohl". Und das war's dann auch schon wieder.

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16.6.06

Nette Dinge (Folge 2)

Der Abscheu davor, den "Müll runterzubringen", scheint eine tief verwurzelte, atavistische Verhaltenskonstante des Menschen zu sein. Die Streitfrage, welcher Teil eines Paares die Aufgabe auf sich nehmen muß, hat Generationen von Humoristen Inspiration geliefert. Tut es jedoch niemand, wird man in den Sommermonaten binnen kurzem von den möglicherweise nettesten Insekten belohnt, die die Tierwelt aufzubieten hat: den Fruchtfliegen. Fruchtfliegen sind freundlich und diskret, stechen nicht, machen keinen Krach und sind im Gegensatz zu ihren Vettern, den Stuben- und Schmeißfliegen, in keinster Weise aufdringlich. So sehr sie sich für biologisch abbaubare Abfälle (insbesondere für Erdbeerreste) interessieren, so wenig Aufmerksamkeit schenken sie dem Menschen. Das mag einen Teil ihrer Faszination ausmachen, die ansonsten vor allem von der Frage getrieben wird, wo diese kleinen Tiere nur immer alle herkommen. Vielleicht liegt dieses offensichtliche Desinteresse an menschlichen Taten in der stoischen Natur der Fruchtfliegen begründet, die auch nach der schlußendlichen Entfernung des Biomülls noch eine geraume Zeit an ihrem Platz verharren. Irritiert und ein wenig vorwurfsvoll schauen sie dann aus ihren lieben kleinen Äuglein und kreisen sinnlos um die Leerstelle, wo einst das köstlichste Festmahl aus verrottenden Substanzen stand - ein grausames Schauspiel. Aber nötig, sonst stinkt's.

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15.6.06

Nette Dinge (Folge 1)

HörnchenbärZur Feier von Oliver Neuville nun in loser Folge einige andere Dinge, die sehr süß sind: heute zum Beispiel der weithin unbekannte Hörnchenbär (s. Abb., links im Bild). Trotz seines netten Namens ist der Hörnchenbär nicht ungefährlich, verhält er sich doch zum Hörnchen wie der Ameisenbär zur Ameise. Daher auch der lange, eigens zum Saugen von Hörnchen konstruierte Rüssel. Glücklicherweise kommt der Hörnchenbär vor allem in seiner vegetarischen Variante vor.

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14.6.06

Ewoks vor!

Ein "Kurzarbeiter" sei Neuville, meinte der ARD-Kommentator. Lieb ...

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Fischer ist warm

Obgleich ich ein großer Freund von Sonne und Wärme bin, kann ich mich dem Eindruck nicht verschließen, daß es nicht heiß, sondern zu heiß ist. Der Sommer zeigt sich von seiner klebrigsten Seite - die Schuhe am Asphalt, das durchgeschwitzte Hemd am Leib: alles pappt. Absurde Zahlen auf den elektronischen Temperaturanzeigen. Was tun? Ein Besuch im Schwimmbad verbietet sich mir aus Gründen der Eitelkeit; der einzige Mensch, von dem ich sicher weiß, daß er meinen für den Sommer schlecht vorbereiteten Körper schon irgendwie okay findet, ist nicht da, und alleine traue ich mich nicht. Zurück in die Wohnung? Ich lebe im Dachgeschoß; genauso gut könnte ich ins Innere der Sonne wollen. Stattdessen flüchte ich mich in den Bus und fahre sinnlos in der Gegend herum - hier gibt es nämlich eine Klimaanlage. Welch Erfrischung! Welch angenehme Kühle! Wie konnte ich jemals etwas Schlechtes über die Heidelberger Straßen- und Bergbahn sagen, ja auch nur denken? Die ewigen Verspätungen, die sadistischen Busfahrer, das gehört doch alles letztlich zum Lokalkolorit. HSB, ich liebe dich! Und ich will nie wieder aussteigen!

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13.6.06

Hopp Schwiiz!

Habe mir gerade den ersten Schweizer WM-Auftritt angesehen, gemeinsam mit Pflänzli, meiner zum Schweizertum konvertierten Clivie (lange Geschichte). Sehr positive Überraschung - im Spiel gegen die Grande Nation verzichtete die petite nation darauf, putzig zu sein. Das fing bereits bei den Nachnamen der Spieler an: kaum ein "i" am Ende! Für die endgültige Rettung der Nationalehre nach dem Ralph-Siegel-Debakel beim Eurovision Song Contest muß allerdings noch ein bißchen gearbeitet werden. Pflänzli hat's jedenfalls gefallen, glaub ich. Aber vielleicht fand es auch nur den Rasen schön.

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12.6.06

Der ewige Krieg

Drei Gefangene haben sich offenbar in Guantanamo umgebracht. Was lernen wir daraus? Lagerkommandant Harris jedenfalls nicht viel: Für ihn waren die Selbstmorde eine geplante Aktion im asymmetrischen Krieg gegen die USA. Aus dieser Perspektive erscheint es natürlich als besonders gemeiner Schachzug der niederträchtigen Feinde der freien Welt, sich von den aufrechten US-Truppen in Haditha und anderswo massakrieren zu lassen. Kinder und Alte im Rollstuhl gegen schwerbewaffnete Soldaten - asymmetrischer geht's ja wohl kaum.
Mit Interesse darf man feststellen, daß die US-Kriegspropaganda wieder die orwellschen Dimensionen erreicht hat, die man noch aus dem Vietnamkrieg schätzt ("Es war nötig, das Dorf zu zerstören, um es zu retten"). Orwells "1984" sollte man ohnehin mal wieder zur Hand nehmen, wenn man die Außen- wie Innenpolitik der Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001 verstehen möchte. Terrorismus als Begründung dafür, daß der Staat alles darf, ist ja keine besonders neue Idee. Goldstein oder bin Laden - wen kümmert's?
Daß im permanenten Ausnahmezustand die Grenzen zwischen Demokratie und Diktatur fließend werden, dämmert mittlerweile auch der Frankfurter Rundschau. Diese Entwicklung hätte man allerdings schon früher ahnen können: "Krieg ist Frieden, Unwissenheit ist Stärke" ist schließlich nicht erst seit 2001 das inoffizielle Motto der USA. Letzteres gilt natürlich nicht für die amerikanischen Geheimdienste - die wollen nämlich alles wissen. Für einen Rechtsstaat ist das zwar ein bißchen heikel, aber davon haben sich die Vereinigten Staaten von Guantanamo wohl endgültig verabschiedet.

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Mama, er hat mich getreten!

Immer wieder erstaunlich, wie so ein Männer-Fußballspiel - eigentlich Hort testosterongesättigter Virilität, mal abgesehen von dem knuddeligen Fußball-Ewok Oliver Neuville - den Charakter ändert, sobald ein Freistoß oder gar Elfmeter herausgeschunden werden soll: Muskelbepackte Kämpfer gehen zu Boden, schwerverletzt von einem leisen Windhauch, kraftstrotzende Sexidole wälzen sich mit schmerzverzerrten Gesichtern auf dem Boden. Erst gerade im Spiel Holland gegen Serbien/Montenegro wurde wieder auf den Rasen geflogen, was das Zeug hielt. An Schwalben hat man sich ja schon gewöhnt, aber muß das immer mit einer Wehleidigkeit inszeniert werden, die an Kleinkinder erinnert? Ich plädiere hiermit für die Einführung des offiziellen FIFA-Schnuffeltuchs (TM): spendet Trost, kann anschließend als Reliquie verkauft werden und bietet jede Menge Platz für Sponsoren-Aufdrucke. Damit Schmerzen sich wieder lohnen!

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9.6.06

Traurig, aber wahr: 20 Jahre efc news

Das bewegt mich noch ein wenig mehr als die FIFA-WM 2006™: Zwanzig volle Jahre efc news. In diesem Juli läßt es sich nicht mehr leugnen. Auf den Schock fahre ich erstmal ins wunderschöne Ludwigshafen und schau mir das Eröffnungspiel an. Danach werden die Feierlichkeiten vorbereitet. Versprochen!

Piep!

Wer eine Meise oder sonstige Vögelchen hat, möchte ihnen vielleicht das hier zum Geburtstag schenken. Sehr, sehr schön. Aber letztlich geht's doch immer nur um das Eine ...

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8.6.06

Fragen

Islamistische Milizen haben die somalischen Warlords endgültig aus Mogadischu vertrieben. Ted Dagne, Afrikaexperte beim Forschungsdienst des US-Kongresses: "Die Islamisten haben wenigstens für Stabilität und soziale Einrichtungen gesorgt. Dagegen wussten die Kriegsfürsten nur, wie man unschuldige Zivilisten verstümmelt oder tötet" (FR 07.06.2006:3). Eine kleine Quizfrage: Welche der beiden Bürgerkriegsparteien wurde von der US-Regierung unterstützt? Vielleicht noch ein Tip: Die getöteten und verstümmelten Zivilisten, von denen hier die Rede ist, wohnen nicht in New York oder sonstwo in den Vereinigten Staaten, sondern nur in Afrika. Jetzt ist es aber ganz leicht, oder? Deshalb noch eine Zusatzfrage für Rätselfüchse: Warum gibt es eigentlich Terror gegen die USA?

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6.6.06

Weekly Koch

Fehlprognose: Gar kein Roland Koch im aktuellen SPIEGEL, wenn ich nicht wieder was übersehen habe. (Auch keine nackten Frauen, immerhin mehrere Leichen - ebenfalls sehr beliebt in der SPIEGEL-Fotoredaktion.) Schade, ausnahmsweise hätte ich mich darüber gefreut, allerdings nur in Verbindung mit Indianern. Als Trost gibt's ein bißchen Häme über sich impertinent an Fußballer heranwanzende hessische Ministerpräsidenten auf Spiegel Online. (Dank an S. Kuzmany für den Link!)
Beim Streik auf SETI kommt man übrigens mittlerweile auf den Trichter, daß man auch ein paar Forderungen stellen könnte, wenn man schon streikt. Rücktritt von Koch vielleicht? SETI.Germany, hört mich wer?

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5.6.06

Streiken @ Home

[The following post deals with this week's "strike" at SETI@Home. English version available]

Das hier geht um Zahlen: Rechenhaftigkeit (Max Weber) ist schließlich alles im Zeitalter des Shareholder Value und der Computertechnologie. Es geht aber auch um Menschen: Die haben nämlich die unangenehme Eigenschaft, daß sie - besonders in größeren Gruppen - zu eigensinnigem Verhalten tendieren, das sich nicht immer steuern läßt. Und dann geht es noch um Aliens, aber nur ganz am Rande.

Ein Ansatz zur Suche nach außerirdischem Leben ist die Auswertung von Radiosignalen aus dem Weltall. Der Grundgedanke: Eine außerirdische Zivilisation, die intelligent genug ist, um Informationen per Funksignal zu übertragen (aber nicht intelligent genug, um darauf zu verzichten - die Menschheit befindet sich noch in diesem Stadium und schaut sich Call-In-Fernsehprogramme an), müßte entdeckt werden können, wenn es gelingt, in den Aufzeichnungen von Radioteleskopen künstlich erzeugte Signale vom kosmischen Hintergrundrauschen zu trennen. Will man einen großen Ausschnitt des Himmels und ein großes Frequenzspektrum untersuchen, ist das eine sehr rechenintensive Aufgabe, die einen einzelnen Computer gleich welcher Größe überfordern würde. Im Jahr 1999 wurde daher an der Universität von Kalifornien in Berkeley das öffentliche "SETI@Home"-Projekt ins Leben gerufen, das kleinere Arbeitspakete an die Rechner von Freiwilligen in aller Welt über das Internet verteilt. Heute hat das Projekt eine knappe halbe Million mehr oder weniger aktiver Teilnehmer, die mit fast einer Million mit dem Projekt verbundenen Computern etwa 175 Billionen Fließkomma-Rechenoperationen pro Sekunde (175 Teraflops) durchführen (Zahlen von BOINCstats). Um den Benutzern ein Gefühl für die geleistete Arbeit zu geben, zählt das Projekt mit. Anfangs wurde nur über die Zahl der erledigten Arbeitseinheiten jedes Benutzers Buch geführt; mittlerweile wird eine variable Anzahl von "Credits" je nach dem Umfang der geleisteten Arbeit verteilt. Statistikseiten ermöglichen es den Teilnehmern, ihren Rang oder den Rang ihres Teams über die Zeit hinweg nachzuvollziehen. Es macht durchaus Spaß, sich die eigenen wachsenden Creditzahlen anzusehen und andere in der Rangfolge zu überholen; das Wettbewerbselement beflügelt das Engagement. Und hier fangen die Probleme an.

SETI-Credits bedeuten nichts in der "wirklichen Welt": Man kann sie nicht anfassen, man kann sie nicht essen und sich auch nichts davon kaufen. Es sind nur abstrakte (und ziemlich kompliziert definierte) Zahlen. Das hindert eine gewisse Spezies von Technikfreunden und Overclockern nicht daran, sich ganze Computerfarmen zum ausschließlichen Gebrauch für SETI (und andere Projekte verteilten Rechnens auf Berkeleys offener BOINC-Plattform) zuzulegen, um im elektronischen Schwanzvergleich mitzuhalten. Verfolgt man die einschlägigen Diskussionsforen, kann man sich dem Eindruck nicht verschließen, daß die Jagd nach Credits für einige den wesentlichen Lebensinhalt darstellt. Die Wissenschaft, die mit den Berechnungen betrieben wird, spielt praktisch keine Rolle mehr.

Es ist ein bekanntes Phänomen in der Organisationssoziologie, daß die Ziele einer Organisation nach einer gewissen Zeit hinter organisationsinterne Ziele zurücktreten. Solange der Creditwettbewerb dazu führt, daß immer mehr wissenschaftliche Arbeit erledigt wird, ist das unproblematisch. Vor wenigen Wochen wurde allerdings eine neue Version der SETI-Software eingeführt, die die Arbeitseinheiten gründlicher untersucht und mehr Prozessorzeit in Anspruch nimmt - und zudem die Grundlage der Creditberechnung umstellt. Unter bestimmten Bedingungen gibt es nun weniger Credits je Zeiteinheit. Auf jeden Fall betroffen ist aber der "Recent Average Credit", eine Maßeinheit, die bei kompetitiven Teilnehmern besonders beliebt ist; vielleicht, weil sie so abstrakt berechnet wird, daß sie fast gar nichts mehr aussagt. Das Wehklagen in den Foren war groß, einzelne Stimmen der Vernunft verloren. Bereits damals kam die Idee eines Streiks auf, um der Forderung nach mehr kostbaren Credits Nachdruck zu verleihen: Man dürfe nicht die Freiwilligen, die am meisten leisten (und die von dem neuen Creditsystem überdurchschnittlich stark getroffen wurden), auch noch dafür bestrafen; das Projektteam habe auf die Bedürfnisse der Teilnehmer, auf die es schließlich angewiesen sei, einzugehen! Tatsächlich kommen die Berkeley-Mitarbeiter mit der großen Anzahl an Freiwilligen, ihrem Eigenleben und ihrer Gruppendynamik nicht immer gut zurecht. Die Vernachlässigung der Teilnehmerpflege bei der endgültigen Umstellung vom "klassischen" SETI (mit seinen einst über fünf Millionen registrierten Benutzern) auf die BOINC-Plattform Ende letzten Jahres ist legendär, wenngleich sich die Kommunikation seither etwas verbessert hat.

Jetzt endlich ist ein eher obskurer Anlaß zum Streiken gefunden worden: Ein freiwilliger Entwickler hat die Schnauze voll, nachdem ihm unter anderem von einem weiteren Benutzer öffentlich und über die Maßen hartnäckig Schummelei vorgeworfen wurde. Dabei ging es - man ahnt es - um Credits. Seit Mitternacht (UTC) befinden sich nun, wenn alles klappt, einige der größten Teams im Ausstand, der Streik ist auf eine Woche angesetzt. Die Wellen auf den Diskussionsforen schlagen derweil hoch: Gegenseitige Beschimpfungen zwischen "Creditnutten" und "Nullern", die es am liebsten sähen, wenn es gar keine ablenkenden Credits geben würde, sind an der Tagesordnung, die Moderatoren heftig im Einsatz. Wie verschiedene Benutzer angesichts der kindergartenartigen Diskussionskultur feststellten: Es bleibt nur zu hoffen, daß die Außerirdischen, die man eigentlich sucht, die Foren nicht mitlesen. Wenn die Menschen so sind, gäbe es allen Grund, nicht gefunden werden zu wollen.

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3.6.06

Gutes Timing Pt.2

Der Vollständigkeit halber: Unterdessen hat sich auch Spiegel Online das Leitkulturgeschwafel von unserem geliebten Roland "Wir sind mehr als die Indianer" Koch näher angesehen und entdeckt, daß nicht nur für Franz Josef Wagner, sondern auch für die NPD Einwanderung und Indianer zusammenhängen. Große Überraschung! SPD und Grüne regen sich tapfer auf, wohl in vollem Bewußtsein der Tatsache, daß diesem Mann alles durchgeht, genauer gesagt: er sich alles durchgehen läßt. Ein Schelm aber auch! Das obligatorische Koch-Foto im nächsten Druckspiegel dürfte schon gebucht sein. Immerhin mal mit Grund.

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