24.9.07

Fortschritt

Die Möglichkeiten, Zeit zu vertrödeln, sind seit Erfindung des Heimcomputers bekanntermaßen ins Unermeßliche gestiegen. Anfängern garantieren Computerspiele und nutzlose Online-Beschäftigungen Tage und Nächte voller Kurzweil, Fortgeschrittenen und Technikpuristen sei hingegen die Beobachtung von Fortschrittsbalken empfohlen. Die eigentümliche Faszination, der von langsam anwachsenden Farbbalken ausgehen kann, ist leider nicht jedem zu vermitteln. Ist es die Freude am Fortschritt, der ja immer und in jeder Hinsicht etwas ganz Tolles ist? Ist es die Befriedigung, daß Arbeit getan wird, ohne daß man selbst einen Finger rührt, abgesehen von gelegentlichen Mausbewegungen gegen das Anspringen des Bildschirmschoners? (Vorbildlich in dieser Hinsicht: BOINC, seit neuestem auch mit grafischer Fortschrittsanzeige, dazu noch ein sinnvolles Projekt, das das Leid der Menschheit lindert oder wenigstens viele Credits einbringt. Besonders aufregendes Balken-Watching ab zwei Prozessorkernen.) Muß man vielleicht einfach nur ein völlig bescheuerter Nerd sein? Oder springt gar das Unterbewußtsein auf das phallische Element an, das anschwellende Säulen wohl so an sich haben? Gegen Letzteres spricht allerdings der ganz besondere Reiz der grafischen Darstellung einer Festplattendefragmentierung, wie sie in den älteren Windows-Versionen vorhanden war; das Konzept des Fortschrittsbalkens wird hier auf geradezu geniale Art ins Zweidimensionale übersetzt (mit zusätzlichen Spannungselementen).

Unschön am technisierten Zeitvertrödeln ist nur das schlimme Erwachen danach: Was hätte ich nur alles stattdessen tun können! Wie viele Häuser, Bäume oder Kinder man hätte bauen respektive pflanzen oder zeugen können, anstatt Spider Solitaire zu spielen, möchte man gar nicht wissen. Für die gesamte Menschheit zusammengerechnet, dürfte das wohl auf mehrere Kontinente hinauslaufen. Jetzt im Herbst, wo fallende Blätter und beschissenes Wetter melancholisch stimmen, drängen sich doch mitunter grundsätzlichere Fragen auf: Wieviel Lebenszeit ist wohl bislang für absolut nutzlose Zeitverschwendung draufgegangen? Oder für das Warten auf die 100 Prozent Fortschritt? Wenn sich dann noch diverse Zipperlein beim Aufstehen rühren und die Wampe immer lauter schreit, kann es sogar noch grundsätzlicher werden: Wieviel Zeit bleibt überhaupt noch für all die Dinge, die man eigentlich hätte tun sollen? Wo genau steht der Fortschrittsbalken des Lebens? Statistisch kann man das rausfinden: für einen 34-Jährigen männlichen Geschlechts in Deutschland bei so etwa 44% (Statistisches Bundesamt). Und wächst weiter. Mit jeder Defragmentierung.

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21.9.07

Zeitmanagement-Experte Prof. Dr. Lothar Seiwert rät:

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