19.7.06

Volksgesundheit: Äch bän wieder da!

Eine Hochzeit habe "Auswirkungen auf den Nikotinkonsum", kurzmeldet die Frankfurter Rundschau (19.07.2006:35): nur 27,9 Prozent der Verheirateten rauchen, während es bei Unverheirateten mit festem Partner stolze 49 Prozent sind; dazwischen liegen Geschiedene (41,7) und Ledige - gemeint sind wohl Singles (42,7). Heirat stellt das Rauchen ab? Plausibler scheint der umgekehrte Zusammenhang: Wer raucht, heiratet nicht. Wohl eine Frage des Lebensstils. Eine letzte Kippe noch, ihr verpartnerten Cowboys und Cowboinen, solange es noch erlaubt ist. Danach geht's zur Zwangstherapie für Suchtkranke und Familienmuffel. Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein? Damät äst jetzt Schloß!

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16.7.06

The times they are a-changing

Da mir die Gabe der Bilokation leider verwehrt blieb, muß ich mich entscheiden: Loveparade in Berlin oder der Schleppertreff in Widdern/Jagst (1500 Einwohner)? Bei letzterer Veranstaltung lassen sich nicht nur über hundert Oldtimer-Traktoren bewundern, auch "für das leibliche Wohl ist bestens gesorgt", wie die Ankündigung verspricht. Und tatsächlich: Samstag: 16.00: Schleppertreff, ab 19.00: Spanferkel, Steaks und Würste; Sonntag: 9.00: Frühstück, ab 11.30: Steaks und Würste. Ein klarer Fall also, außerdem läßt sich die Loveparade im Gegensatz zum Spanferkel auch im Fernsehen nachvollziehen. Aber was ist das? Berufsjugendliche Moderatoren begrüßen mich in bester Stefan-Raab-Manier mit "Meine Damen und Herren" - bei der Loveparade? Auf RTL2? Hallo? Dazwischen Werbung für Abwehrkräfte und Familienzubehör - unter Dr. Motte hätte es das nicht gegeben! Wieder einmal beweist sich: Die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. Neospießer überall.

Juli 2006, 20 Jahre efc news: ein feiner Anlaß, sich in den folgenden Wochen über das Thema Zeit Gedanken zu machen. Auch wenn die antiken Traktoren über diese Zeitspanne wohl eher müde lächeln dürften - genau wie Widdern, erstmalig urkundlich erwähnt im Jahre des Herrn 774, Jahrhunderte früher als der Emporkömmling Berlin. Zur Stadt erhoben wurden beide ungefähr zur selben Zeit, im 13. Jahrhundert; seither haben sich die beiden Gemeinden ein wenig auseinander entwickelt. Denn in Widdern gibt es den Schleppertreff. In Berlin nicht.

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10.7.06

Back to reality

Die WM hat uns auf wunderbare Weise verändert.
Roland Koch, Ministerpräsident der Herzen

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8.7.06

Schöner als Berlin

Klinsmanns kalifornische Motivationsmethoden sind heute mehr gefragt denn je: Wir müssen jetzt nämlich alle fest daran glauben, daß der dritte Platz bei der WM auch was irre Wichtiges ist. Ich weiß, wir können es schaffen™ !

Nachtrag: Mission accomplished (G. W. Bush), der dritte Platz bei der WM ist auch was irre Wichtiges. Im Ernst: Besser hätte es eigentlich nicht laufen können. Während der nominell bessere WM-Zweite sein letztes Spiel verloren hat und von daher eher heulen als feiern dürfte, garantiert der Sieg im "kleinen Finale" - rein symbolisch, aber darum geht es ja - noch eine angemessene Fortsetzung der Partystimmung, bevor der Post-WM-Kater einsetzt. Weltmeister dagegen - das wäre zu arg geworden. Umerziehungslager für Nörgler & Miesmacher im Reformland bleiben uns so gerade noch erspart. Xavier Naidoo ist schlimm genug.

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Nette Dinge (Folge 3): Verliebte Vögelchen

Sieht man von Aasgeiern und sonstigen roheren Exemplaren der Spezies ab, gehören Vögel zu den possierlichsten Tieren überhaupt. Doch welche Abgründe des Liebeskummers tun sich in so mancher Vogelseele auf! Die Liebe eines schwarzen Schwans zu einem Tretboot in der Form eines weißen Artgenossen: ein wundervolles Sinnbild der Harmonie zwischen den Rassen, allein - sie wird ewig unerwidert bleiben. Ebenso tragisch: die Leidenschaft eines englischen Pfaus für eine Zapfsäule. Zu profan ist die Erklärung mit dem klackenden Geräusch der Angebeteten ("Das klingt genauso wie eine Pfauhenne, die ihm zuschreit 'Nimm mich, ich bin bereit'"), zeigt sich doch in den Brüdern des Vogels die gleiche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: "Der eine bemüht sich um eine Katze, der andere versucht mit einer Gartenlaterne anzubändeln".
Die Herzensangelegenheiten von Vögeln gehen dem Menschen nicht zuletzt deswegen so nahe, weil sie mit allerlei Geräusch verbunden sind. Die Frankfurter Rundschau (FR 20.06.2006:33) hält den Zeitplan der morgendlichen "Vogeluhr" fest: Anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang beginnt der Gartenrotschwanz noch recht diskret mit seinem "zarten, leisen Solo", zehn Minuten später das Rotkehlchen. Nach weiteren fünf Minuten setzt die Amsel mit ihrer "kraftvollen Melodie" ein, gefolgt vom Zaunkönig: "Dessen unglaublich lautes Organ - umgekehrt proportional zu seinem kleinen Körper - bringt eine dynamische, durchdringende Arie hervor". Der "Morgengruß" der Kohlmeise erklingt zwanzig Minuten später, der Buchfink (fünf Uhr) und der Haussperling (5.20 Uhr) runden die Geräuschkulisse ab. Zusammengefaßt: Noch bevor die Sonne aufgeht, ist draußen die Hölle los. Die Nachtigall ist sogar in der Lage, bis zu 22 Stunden "sanft zu flöten, heiter zu jubeln und schmelzend zu schluchzen". Es kümmert dieses Tier wenig, daß der Mensch während mindestens sechs dieser 22 Stunden gerne schlafen würde. Die Liebe geht vor.
Zwei- bis dreimal täglich stellt sich auf meinem Dach ein besonders lautes Vögelchen ein; immer wieder aufs Neue unfaßbar, welchen Krach ein so kleines, gelbes Wesen hervorbringen kann. Im Laufe einer Sitzung auf der Antenne dreht es sich mehrmals, um alle Himmelsrichtungen mit der gleichen Sorgfalt zu beschallen, dann fliegt es weiter zum nächsten Baum. Seine Unermüdlichkeit dauert mich, denn bisher scheint der Erfolg auszubleiben; alleine kehrt es jeden Tag wieder. Aussehen wie Geräusch, gleichermaßen exotisch, deuten auf einen ausgerissenen Fremdling hin. Gut möglich, daß es trotz aller Bemühungen für immer zur Einsamkeit verdammt ist, weil es in der Nähe keinen Artgenossen gibt.
Dieses Schicksal steht auch vielen seiner Freunde bevor: Zwölf Prozent der bekannten Vogelarten sind bis zum Ende des Jahrhunderts akut von der Ausrottung bedroht, weitere zwölf Prozent gefährdet (wissenschaft.de).

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7.7.06

Neue Besen

Zum Thema "Die Zeitung von gestern" war in der ZEIT vor zwei Wochen Erstaunliches zu lesen. Nur Lob hatte Uwe Heuser für einen neuen Typ von Managern übrig: "Sobald es irgendwo in ihren Unternehmen nicht läuft, schlagen sie zu. Erst kommen die harten Renditevorgaben, dann werden Jobs gestrichen oder ganze Firmenteile abgestoßen". Toll! Aber damit nicht genug: "Deutschlands Politiker könnten von dieser Garde manches lernen", denn "die neuen deutschen Chefs festigen gerade das Fundament für eine wachsende und jobhaltige Wirtschaft: profitable und effiziente Unternehmen" (ZEIT 26/2006:1). Jobhaltigkeit durch Rausschmiß - ein interessantes Konzept, das in den folgenden Tagen begeistert in die Praxis umgesetzt wurde: 7500 Stellen bei der Allianz gestrichen, laut Konzernchef Diekmann notwendig trotz steigender Milliardengewinne. Natürlich bei gleichzeitigem Bekenntnis zur "unternehmerischen Verantwortung" (FR 23.6.2001:1). Gleiches Spiel wenig später beim Zürich-Konzern: Gewinne, Arbeitsplatzabbau (FR 04.07.2006:11). Und natürlich steht bei all dem keineswegs der Aktionär, sondern der Kunde im Mittelpunkt, der ja in vertriebsorientierten Branchen wie der Versicherungswirtschaft bekanntermaßen ohnehin auf Rosen gebettet ist. Das erinnert an die Telekom, deren fürsorgliche Aufopferung für den Kunden nur gemeine Miesmacher wie etwa Verbraucherschützer mit "besonders verbraucherschädigendem Verhalten" gleichsetzen wollen (FR 09.05.2006:9) - und die auch sonst den berühmten Schritt voraus ist, kommt sie doch bei ihrem Personalabbau noch schneller voran als geplant: "Wir werden unser Ziel für dieses Jahr deutlich übertreffen" (FR 06.07.2006:12). Das nenne ich Leistungsträger! Die ZEIT wäre stolz auf euch.

5.7.06

Wer Argentinien besiegt, wird Weltmeister

Aber wann?

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2.7.06

Allez und hopp

Im Nahen Osten braut sich wieder einmal der Dritte Weltkrieg zusammen, Merkel regiert durch, der nächste Abgabetermin steht vor der Tür - mir alles egal, ich schau Fußball. Und es lohnt sich. Frankreich gegen Brasilien: Überbezahlte Werbeikonen verlieren gegen Raucher und alte Säcke - für mich eine persönliche Genugtuung. Mehr noch: keine Gelegenheit für Worthülsen-Beckmann, in einem der kommenden Spiele irgendwas von "brasilianischem Tanz" oder "brasilianischerem Spiel als das der Brasilianer" zu erzählen. Und wenn Frankreich gegen Brasilien gewinnt, gegen die Schweiz aber unentschieden spielt - war dann nicht die Schweiz besser als die Brasilianer? Später Trost. Think about it.

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