31.8.06

Perlen und Säue (2)

Frankfurter Rundschau: Die CDU hat die Suche nach diesen Antworten unter das Motto gestellt: Mehr Gerechtigkeit durch mehr Freiheit. Merkel hat sich dazu erneut bekannt.
Heiner Geißler: Die Überschrift ist falsch. Wir bekommen keine Gerechtigkeit durch mehr Freiheit. Freiheit haben wir genügend - die Freiheit der großen Konzerne, Riesengewinne zu machen und Zehntausende von Menschen auf die Straße zu setzen. Was wir dringend brauchen, ist mehr Verantwortung bei allen, die Macht und Einfluss haben. (FR 22.08.2006:4)

Heute wieder heldenhaft den Standort gesichert, unter anderem durch den selbstlosen Kauf eines Sechserpacks Penny-Cola und mehrerer Industriewürstchen der Marke "Landfreund". Schließlich obliegt letztlich dem gemeinen Endverbraucher die Aufgabe, den Shareholder zu füttern, auf daß es ihm wohlergehe. Vielleicht liegt hier auch der Schlüssel zu dem ökonomischen Mysterium, daß die Öffnung von Märkten am Ende dazu führt, daß alles teurer wird; demnächst live mitzuerleben beim Börsengang der Bahn (FR 31.08.2006:2). Aber Wettbewerb muß sein, genau wie Standortsicherung immer sein muß. Bloß nicht nachfragen, warum! Sonst kommt raus, wie wenig sich hinter all den hohlen Floskeln verbirgt. Die Chancen auf eine ehrliche Antwort sind ohnehin gering.
Redlichkeit in den sozialen Beziehungen braucht man als Konsument erst gar nicht zu suchen; der Betrachter von Fernsehwerbung und so mancher Kunde eines Telekommunikationsunternehmens - beispielsweise - wird ein Lied davon singen können. Wie gut, daß wenigstens Anstrengungen unternommen werden, die Moral auf der Verbraucherseite zu stärken, wenn überall die Versuchungen des digitalen Zeitalters locken. Beim Lesen der Drohungen im Vorspann jeder DVD fällt einem wieder ein, wozu das Recht ursprünglich erfunden worden ist. Man darf sicher sein, daß der heraufziehende hochtechnisierte Polizeistaat Gesetz und Ordnung in dieser Hinsicht ganz besonders verteidigen wird. Sind nicht auch Raubkopierer Terroristen? Irgendwie?
So viel ist schon mal klar: Die Freiheit, von der so viel die Rede ist, ist nicht die Freiheit des Bürgers vor staatlicher Überwachung. Wozu auch - wir haben ja alle nichts zu verbergen. Und wir können auch bald nichts mehr verbergen. Ein Dissident zu sein, so wie der Geißler, wird dann natürlich ein bißchen schwierig. Ist aber auch unnötig - es ist ja alles so wunderbar.

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28.8.06

Perlen und Säue (1)

Ich hab's immer gewußt: Es lohnt sich doch, alte Zeitungen zu lesen, und seien es nur die von vor ein paar Tagen. Zwar macht das Geschrei der letzten Wochen nach noch mehr Videoüberwachung, Verbindungsdaten- und E-Mail-Speicherung, Zentraldateien und endlich auch "schärferer Kontrolle des Internets" (FR 24.08.2006:1, 4) auch im Rückblick keinen Spaß, aber wenn man genau sucht, kann man hier und da erstaunliche Perlen der Vernunft entdecken. So dürfte sich der interessierte Leser, dem bereits der stramme Marsch in den Polizeistaat reichlich faschistoid vorkommt, über die Warnung des "Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft" vor einem "um sich greifenden Faschismus in der Wirtschaft" erst recht freuen: "Das Wesen des Faschismus sei es, ein System für schützenswerter zu halten als die darin lebenden und arbeitenden Menschen (...). 'Bisher haben wir uns in der Bundesrepublik erfolgreich gegen politischen Faschismus gewehrt, nun scheint ein ökonomischer Faschismus genau dort um sich zu greifen, wo Unternehmen den wirtschaftlichen Erfolg über jede redliche Form des sozialen Miteinanders stellen'" (FR 15.08.2006:10).
Die zombieartig aus der Frühzeit der Industrialisierung wiederkehrenden Debatten über Arbeitnehmerrechte, Mindestlohn, Jugendschutz in der Arbeit etc. fügen sich in diese Perspektive natürlich bestens ein. Eine "redliche Form des sozialen Miteinanders" gerät aber nicht nur innerhalb von Firmen unter die Räder, wie etwa der kreuzdumme Satz "Die vorzeitige Stilllegung der sicheren Kernkraftwerke in Deutschland läuft auf eine irreversible Schädigung des Standorts Deutschland hinaus" (Positionspapier von neun unionsgeführten Ländern, FR 23.08.2006:4) zeigt. Wir erinnern uns: Kernkraft ist eine Hochrisikotechnologie, die potentiell die Gesundheit jedes einzelnen Bürgers gefährdet. Wir erinnern uns ferner: Es geht gerne mal was schief, nicht nur potentiell, zum Beispiel in einem ganz, ganz sicheren schwedischen Kraftwerk, wo ein ganz, ganz sicheres Bauteil versagt hat, das auch in ganz, ganz sicheren deutschen Anlagen verbaut ist. Alles scheißegal, der Joker "Standort" schlägt alles. (Übrigens: "Die Kieler Atomaufsicht bestätigte Sicherheitsmängel am AKW Brunsbüttel, um dessen Laufzeitverlängerung gekämpft wird. 'Brunsbüttel entspricht nicht dem Stand modernster Sicherheit und Technik' und weise eine 'Reihe von Abweichungen' auf, räumte das Sozialministerium ein. Jedoch sei kein Punkt so gewichtig, 'dass er ein unmittelbares Abschalten des Reaktors erfordern würde'".)

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23.8.06

Fieber: sinkend

Trotzdem noch zu schwurbelig im Kopf, um einen klaren Gedanken zu fassen. Ich glaub, ich schau ein bißchen RTL2. Oder ich setze mich vor den Schreibtisch und sehe meinem "Dringend"-Stapel beim Wachsen zu. In der Welt der Gremienarbeit gibt es die schöne Kategorie der "Erledigung durch Nichterledigung". Warum passiert mir sowas nie?

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13.8.06

Nur die Wurst hat zwei

Ein schönes Erfolgserlebnis: Ikea gestern erstmals ohne Teelichter verlassen, dafür aber mit 23 Faltschachteln "Pappis" zur temporären Bewältigung meiner erneut überhand nehmenden Ordnungsprobleme. Das Vorhaben, diesmal ohne Köttbullar-Zufuhr am Restaurant vorbeizukommen, ist allerdings grandios gescheitert. Dabei schmecken die Fleischbällchen und das dazu gereichte Rahmsößchen auch bei wohlwollender Betrachtung strenggenommen nach nichts. Was treibt diese Teile trotzdem jedesmal in meinen Magen? Kindheitserinnerungen wahrscheinlich. Viel ist ja nicht geblieben von den scheinbar ewigen Konstanten früherer Jahre: Kanzler Kohl, die Sowjetunion, die D-Mark, eine vernünftige Rechtschreibung - alles futsch, sogar der Papst. Immerhin Castro ist noch am Leben, seit 80 Jahren am heutigen Tag. Die Betonung liegt dabei auf "noch". Köttbullar, haltet wenigstens ihr durch!

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9.8.06

In der Zeitkapsel

Beim halbjährlichen Papierstapelbewegen gefunden: "Die Bücherpost. Anzeiger für Sammler alten Papiers" vom September/Oktober 1999. Aufheben? Wegwerfen? Bei Ebay einstellen für Sammler alten Papiers mit Spaß an Selbstreferenziellem?

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4.8.06

Langer Atem

Hundert Jahre alt zu werden ist gar nicht so schwer, man darf nur nicht vorher sterben. Was tut man nicht alles für eine "vergoldete Silbermedaille" nebst eigenhändiger Unterschrift des bayerischen Ministerpräsidenten (CSU)? Vielleicht schwingt in der knauserigen Wahl des Materials auch ein wenig Tadel für die Verantwortungslosigkeit der Jubilarin gegenüber einer überalterten Gesellschaft mit, die an Honoratioren für dieses gar nicht mehr so seltene Ereignis nur den Bürgermeister (CSU) und die stellvertretende Landrätin (CSU) übrig hatte. Auch der "Gedenkgottesdienst" zur Feier des Ereignisses soll wohl daran erinnern, daß es langsam an der Zeit wäre abzutreten; dezent wurde der Hinweis eingestreut, daß der Herr im Himmel (PDS) meine Großmutter "längst" erwarte. Diese freilich macht keine Anstalten, die Verabredung in absehbarer Zeit einzuhalten, sei es aus "Treue zum Dasein", wie es der Pfarrer formulierte, sei es, um den Schwiegersohn zu ärgern. Nächstes Jahr am vierten August wird sie hundertundeins.

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1.8.06

Hitzefrei

April der grausamste Monat? Blödsinn - dank des Klimawandels wohl eher der Juli. Die Jahrtausend-Sommer häufen sich auffällig, genau wie die Jahrtausend-Fluten. "Unser Lebensstil steht nicht zur Debatte", begründete George W. Bush seinerzeit die Weigerung, sich dem Kyoto-Protokoll zu unterwerfen. Trotzdem dürften einige Änderungen der Lebensstile nicht ausbleiben: auf den untergehenden Inselchen, in den Niederlanden, in New Orleans oder hier in den Heidelberger Sümpfen.
Tätigkeiten, die auch nur entfernt mit der Benutzung des Gehirns zu tun haben, waren mir in der Hitzewelle der letzten Wochen unmöglich. Aus Solidarität fand es auch das Netzteil meines Rechners zu heiß; der Ventilator war jahreszeitlich passend in Streik getreten. Beim Entkabeln und Wiederverkabeln eines mit gefühlten siebenunddreißig Komponenten verbundenen Computers, beim Basteln in seinen Eingeweiden, während Schweiß auf die elektronischen Bauteile tropft, beim Sichern all der Daten, die sich im Laufe eines Benutzerlebens ansammeln ("Verbleibende Zeit: 2892467 Minuten"), bleibt viel Zeit zur Kontemplation, und in mir reifte der Entschluß, den verbleibenden Juli zu boykottieren. Also geschah es. Gerade wurde ich aus dem Standby-Betrieb geweckt, und ich stelle fest: Es ist August, es regnet, alles wird gut.

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