31.5.06

Zug nach nirgendwo

Die Aussicht, durch Fulda zu fahren, versetzt mich in solch unbeschreibliche Lethargie, daß ich mich nicht aufraffen kann, mein Buch aus der Reisetasche zu kramen. Auf der Suche nach anderweitiger Lektüre entscheide ich mich spontan gegen das im Zug ausliegende RapsMagazin ("Das Magazin der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen"). Nicht wirklich kurzweilig ist auch der "Reiseplan", obwohl mich dort der "MasterCard-Botschafter" Jürgen Klinsmann auffordert: "Begleite unser Team während der FIFA WM 2006™!" So sehr ich mich freue, daß die Botschaft der MasterCard in alle Welt verbreitet wird (wer braucht schon die UNICEF?), frage ich mich doch, wie man "™" ausspricht. Aber Klinsmann lebt ja auch in Kalifornien. Am Ende läuft alles auf das bewährte Bahn-Magazin "mobil" hinaus, welches - immer auf der Höhe der Zeit - mit einem Extra zur WM aufwartet. Interessant, wie hier (mobil 05/2006:82/83) der Frauenfußball gegen den chauvinistischen "Geist von 1850" verteidigt wird, demzufolge "Sport allgemein die Frauen vermännliche, die Heiratschancen mindere und die Gebärfreudigkeit einschränke". Das alles hat sich nämlich "nicht bewahrheitet"! Und heute, in unserer aufgeklärten Zeit, sieht natürlich alles ganz anders aus:
"Während die ersten Kickerinnen Anfang der 70er noch wie Landpomeranzen daherkamen, sind die Mädchen und Frauen heute absolut en vogue. Vor TV-Interviews werden Lippen und Lidstrich nachgezogen, die Trikots sind meist von neuestem Chic. Silke Rottenberg, Torhüterin des Weltmeisterinnen-Teams: 'Das Aussehen ist wichtig geworden. Seit ein paar Jahren lege ich Wert darauf, nicht mehr so maskulin zu wirken. Früher dachte ich: Hauptsache, ich kann Fußball spielen.' Dass sie das beherrscht, bezweifelt schon lange keiner mehr, aber seit das Fernsehen den Fußballfrauen so nahe rückt, sind natürlich auch noch andere Ansichten interessant."
Ja, das ist Gleichberechtigung, wie wir sie lieben, vor allem, wenn die Fußballfrauen "sich nach erfolgreichem Torschuss gleich den Männern das Trikot vom Leib reißen. Wie die US-Amerikanerin Brandi Chastain, die sich nach verwandeltem Elfmeter im WM-Finale 1999 entblößte und einen perfekt sitzenden Sport-BH präsentierte - in erotischem Schwarz". Noch Fragen? Danke, Wolfgang Golz, für diesen wunderbaren Artikel. Er gibt mir nämlich genug Energie, um doch noch mein Sudoku-Heft herauszusuchen. Dabei wird es einem nicht ganz so schlecht.

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29.5.06

Heute ist Montag! (Update)

SPIEGEL-Auswertung (aktualisiert): Bilder von Roland Koch: 1, Bilder von nackten Frauen: 3, Interviews mit Alice Schwarzer: 1 (letzte Woche: 1:0:0). Koch 0? Zu früh gefreut. Renate hat ihn doch noch gefunden, mitten im Schwarzer-Interview: kleiner als normal, aber unbestreitbar Roland. Ich selbst war wohl ... äh ... abgelenkt.

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Böse!

Neuer Hauptbahnhof in Berlin - schön, groß und preußisch: gar keine Raucherzonen mehr. Wozu auch? Verspätungen gibt es bei der Deutschen Bahn AG bekanntermaßen nicht, also auch keinen Bedarf für Wartezigaretten. Einziger Wermutstropfen: der Amoklauf eines völlig betrunkenen 16-jährigen Hauptschülers bei der Einweihung. "Hat Kiffen ihn so böse gemacht?" titelt konsequenterweise Springers "B.Z.". Jup, das wird's gewesen sein. Saufen macht ja so irre sanft, ist darum auch legal. Speed und Tilidin wollte der Amokläufer vorher noch kaufen, wie die B.Z. ebenfalls weiß. Aber alles nichts gegen den Dämon Hanf! Schaut euch die Aufklärungsfilme aus den Dreißigern an, dann wißt ihr, wovon ich rede! Die Idee mit dem Speed gegen die kiffertypische Antriebslosigkeit muß ich mir für meinen nächsten Amoklauf allerdings noch merken, wenn das Kurzzeitgedächtnis mitspielt. Ein paar Ausflugsziele wüßte ich schon.

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24.5.06

Aufklärung? War da was?

Das 21. Jahrhundert ist insgesamt eine ziemliche Enttäuschung. Es geht damit los, daß von all den atemberaubenden technischen Verheißungen der Science Fiction für das Jahr 2000 das Beste gar nicht realisiert wurde. Meinen vollautomatischen Haushaltsroboter, obgleich dringend benötigt, habe ich immer noch nicht bekommen. Stattdessen hat man sich an die klassischen Dystopien gehalten und bastelt lieber in den Bereichen Menschenzüchtung und Überwachungstechnologien herum; die Begeisterung für immer gefährlichere Risikotechnologien scheint ebenfalls ungebrochen. Wirklich frustrierend ist es aber, in wie vielen Gebieten man fröhlich hinter bereits erzielte Fortschritte zurückgefallen ist, die man eigentlich für sicher gehalten hatte. Arbeitnehmerrechte? Zivilisierung der internationalen Beziehungen? Umweltschutz? Alles Schnee von gestern. Wie oft soll man eigentlich für immer das Gleiche kämpfen?

Das dürfte sich nicht zuletzt die Frauenbewegung (oder das, was von ihr übrig ist) fragen. Vor ein, zwei Jahrzehnten sah es so aus, als würde zumindest dem westlichen Teil der Menschheit nach mehreren Jahrtausenden so langsam dämmern, daß es sich bei Männern und Frauen in erster Linie um Menschen handelt. Gleiche Spezies, gleiche Rechte. Und heute? Geht man nach dem Fernsehprogramm, scheint nichts so unterhaltsam zu sein wie das Herumreiten auf Geschlechterklischees. Männer machen dies, Frauen sind jenes. Ist halt so. Billige Lacher für jeden Comedian garantiert. Daß die Reduzierung von Frauen auf Körperlichkeit und Aussehen keine so tolle Sache ist, muß man heute auch wieder extra dazusagen. Ich habe es satt, bei nahezu jedem Bericht über erfolgreiche Frauen zu lesen, wie attraktiv und gutaussehend sie sind. Ich habe den Ausziehzwang für Sängerinnen und die kurzen Businesskostümchen satt. Ich habe den alltäglichen Werbe-, Hiphop- und Migrantensexismus satt. Und kommt mir nicht mit Leitkultur! Die westliche Mainstreamkultur mit ihrer Sexualisierung und ihren konsumgetriebenen Weibchenidealen (von der Ausbreitung der Pornographie ganz zu schweigen) ist genauso für den Arsch.

Aber halt, ich bin ungerecht. Dank der Biologisierung der Sozialwissenschaften wissen wir ja jetzt, daß das alles ganz normal ist. Fortpflanzung und so, die Gene, kann man nichts machen. Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse? Geht halt nicht. Das ist nicht reaktionär, das ist Wissenschaft. Kramt die Mutterkreuze wieder raus! Wenn ich mir die Meldungen anschaue, die mir täglich über meine Mailinglisten ins Haus flattern, kommt mir das kalte Grausen. Erst heute wieder: "Was eine schlechte Kindheit mit Frauengesichtern anstellt - Studie: Stress in jungen Jahren macht weniger attraktiv und maskuliner". Leute, habt ihr nichts anderes zu untersuchen? O doch, nämlich zur Abwechslung mal die Attraktivität von Männern im Blick der weiblichen Betrachter. Die hängt nämlich langfristig ab von der - Tusch - Kinderliebe. Was Frauen sich eben wirklich wünschen. Weitere Meldungen zum Thema Steinzeit finden Sie im Archiv von wissenschaft.de.

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22.5.06

Gutes Timing

Die Fußball-WM bietet guten Anlaß, hierzulande wieder über "Stolz" zu reden, meint der unvergleichliche Roland Koch (FR 22.05.2006:1). Wie man nationalen Stolz brutalstmöglich beweisen kann, hat man ja die letzten Tage schön gesehen. Die deutsche Leitkultur soll selbstverständlich auch wieder her, über die Vernichtung von Kultur durch Einwanderung am Beispiel der Indianer wird ebenfalls nachgedacht, und: "Wir Deutschen wollen Weltmeister werden", und zwar nicht nur im Fußball, "das gilt überall". Das mußte endlich mal wieder gesagt werden! Ich kann gar nicht soviel bloggen, wie ich kotzen möchte ...

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19.5.06

Brüh im Lichte dieses Glückes

Hab mich lieb!Preisfrage: Für wen ist die rechtsextreme Gewalt in den national befreiten Zonen-Zonen ein Problem? Wir haben's jetzt begriffen: Nicht etwa für die fremdländisch aussehenden Leute, die dort gerne mal totgeprügelt werden, sondern für das Image des Landes Brandenburg. Aber mal ganz ehrlich, Schönbohm: Totschweigen bringt doch nix - und geht auch gar nicht mehr, weil einer schon gepetzt hat! Die Kunst der Public Relations lehrt uns vielmehr, daß man in dieser Lage offensiv vorgehen muß. Nicht nur im Zeitalter der Präventivkriege gilt: Angriff ist die beste Verteidigung! Stehen wir zu unseren Nazis! Selbstironie wird immer honoriert: Ersetzen wir einfach den dämlichen Goleo durch den putzigen Nazi-Kuschelbär (TM), und das Imageproblem ist wie weggeblasen! Da kann man sogar ein wenig schmunzeln, wenn man gerade geklatscht wird! Die Welt ist zu Gast bei Freunden, und einige sind halt ein bißchen schrullig. Aber im Grunde ganz harmlos, gell?

Nachtrag: Eben erst entdeckt, daß die Polizei schon vor Monaten eine ähnliche Idee hatte. Ach Mensch ...

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17.5.06

Abgeschöpft und ausgestorzt

Geht's noch, Printmedien? Journalisten mit Stasi-Decknamen verpfeifen einander beim BND, die Rundschau fällt dank SPD-Holding dem Investorenzirkus zum Opfer, und das Volk will, daß die BILD-Zeitung die Regierung übernimmt. Ich glaub, ich les jetzt die Rheinpfalz, da hab ich wenigstens meine Ruh.

16.5.06

Lob der Taubheit

Die Schnelligkeit und Konsequenz, mit der sich die westlichen Gesellschaften vollends in Überwachungsstaaten verwandeln, gibt Anlaß zur Sorge. Dem bespitzelten Bürger bleibt immerhin ein schwacher Trost: Das Mithören von Gesprächen macht ganz und gar keine Freude, wie sich immer wieder an beliebigen öffentlichen Orten feststellen läßt. Vor allem die Verbreitung des drahtlosen Telefonierens scheint der Sinnlosigkeit menschlicher Kommunikation völlig neue Dimensionen eröffnet zu haben. Besonders hart wird es jedoch dann, wenn sich die sinnfreien Beiträge aller beiden Gesprächspartner gleichzeitig mitverfolgen lassen. Im Zeitalter der "und-isch-dann-so-und-dann-er-so"-Gespräche (Jörg Schneider) dürfte exzessives Abhören mittelfristig zu erheblichen Schäden der geistigen Gesundheit führen. In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Frage, warum es einem unbarmherzigen Schicksal in letzter Zeit immer öfter gefällt, mich in Straßenbahnen neben jungen Damen zu plazieren, deren gesamte Unterhaltung sich darin erschöpft, wo und wann bestimmte Kleidungsstücke eingekauft wurden und welche noch zu erwerben seien. Kinder, Küche, Klamotten - eine nachwachsende Generation aus Weibchen? O Feminismus, bitte komm zurück!

P.S.: Montägliche SPIEGEL-Fotoauswertung: Roland Koch : nackte Frauen = 2 : 2

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15.5.06

Fressen und gefressen werden

Man muß kein Liberaler und schon gar kein FDP-Wähler sein, um Freiheit für etwas Feines zu halten. Daß die eigene Freiheit dort endet, wo die des Nächsten eingeschränkt wird, dürfte ebenfalls allgemein akzeptiert sein, wenn man von gewissen Supermächten absieht. Die Freiheitsrhetorik endet allerdings immer dann jäh, wenn es um die Freiheit geht, das eigene Leben zu beenden - obwohl hier niemand anders zu Schaden kommt. Hier muß ein psychischer Defekt vorliegen, Ende der Debatte. Daß man gerade hierzulande in Fragen der Sterbehilfe und verwandter Probleme schnell mit Totschlagargumenten gegen das Totschlagen bei der Hand ist, mag historische Gründe haben. Dabei könnte man aus der Geschichte auch lernen, daß die psychiatrische Definition individuellen Wollens und individueller Weltsicht zunächst einmal mit großer Vorsicht zu genießen ist, weil sie sich auch vortrefflich als Unterdrückungsinstrument eignet. Nicht nur in totalitären Staaten.
Stark befremdet hat mich in diesem Zusammenhang ein Kommentar (FR 10.05.2006:3) der im allgemeinen grundvernünftigen Frankfurter Rundschau zum jüngsten Urteil im Rotenburger "Kannibalen"-Fall, der es begrüßt, daß nun endlich das "Unwerturteil gegen einen Mann, der sein Opfer mordete, um es zu verspeisen", nachgeliefert wurde. Unwerturteil - was für ein schönes Wort. Wir erinnern uns: Die Tötung erfolgte in vollem Einverständnis. Das spielt aber offenbar keine Rolle, war doch das Opfer "ebenso abartig wie sein Mörder". Hätte man das nicht auch mit weniger Schaum vor dem Mund formulieren können? Oder hätte man sich dann zu weit von dem entfernt, was "nach allgemeiner sittlicher Wertung völlig klar erscheint"? Fragt man die breite Masse nach ihrer allgemeinen sittlichen Wertung, wird man feststellen, daß bereits Schwule und Lesben ausgesprochen "abartig" sind. Völlig klar. Und für Kinderschänder müßte die Todesstrafe wieder eingeführt werden.
Schade, daß ausgerechnet die Rundschau wieder einmal die Richtigkeit des Slogans "taz muß sein" beweist. Dort darf nämlich der großartige Jony Eisenberg schreiben, der ein ums andere Mal mein eigenes sittliches Empfinden ein bißchen streichelt. Wie auch heute: "Die Chance auf den selbst herbeigeführten Tod unterscheidet den Menschen vom Affen. Aber nicht in Deutschland: Hier kann man nicht nach seiner Fasson selig werden, jedenfalls nicht, wenn man den Blümchensex-Richtern in Karlsruhe und Frankfurt in die Hände fällt. Sich schlachten und fressen zu lassen jedenfalls ist und bleibt verboten, bei Strafe einer lebenslangen Haft für den Erlöser." Amen.

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11.5.06

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Aus der Abt. "Lebensleistung": Mit diesem Blogeintrag derzeit auf Platz 1 bei der T-Online-Suche nach "Ich will pimpern". Referrerauswertung: bigbrotherig, aber interessant.

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Frühling hinter Gittern

Die Freyd und Wonne am Frühling in dieser schönen Stadt Heidelberg stößt immer wieder buchstäblich an ihre Grenzen, wenn der Spazierweg von Zäunen und Sicherheitspersonal abgesperrt wird, wo es früher noch offen war. Bei den "Support Our Troops"-Bannern, die dort gelegentlich angebracht sind, wünscht man sich, sie würden auch verraten, warum man das eigentlich tun sollte. Vielleicht weil die Truppen sich unter Einsatz nicht nur ihres eigenen Lebens darum kümmern, daß der Treibstoff für die immer größer werdenden SUVs mit den Kennzeichen AD, AF und HK auch in Zukunft fließt? Irgendwie erinnert eine Stadt, die zu einem guten Teil off limits für ihre eigenen Bewohner ist, weil dort fremdes Militär sitzt, doch ein bißchen an ... wie war das ... ach ja, genau.

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9.5.06

Shiny happy people

Alles so furchtbar positiv heute! Der Tag beginnt bereits gutgelaunt mit der Rundschau-Schlagzeile "Deutschland sorgt für Schwung in EU". Wirtschaftswachstum! Glückseligkeit! Eine Meldung, wie sie vor einem Dreivierteljahr, sprich: vor der Merkelkanzlerin undenkbar gewesen wäre - und das, obwohl außer einem Wechsel der Regierungsköpfe überhaupt nichts passiert ist! Von Kleinkindern und von der deutschen Wirtschaft lernen heißt siegen lernen: Man muß nur genug jammern, dann kriegt man am Ende, was man will. Ein Erfolgsrezept für die bevorstehende WM?
In diesem Sinne geht der Tag gleich weiter mit dem evangelischen Magazin "Chrismon", das munter aus der Zeitung plumpst, und siehe da: ein Sonderheft zur Fußball-WM; auf dem Titel: "Jungs, ihr schafft das"! Chrismon zur WM - ein langgehegter Traum wird wahr! Meine Laune wird so fröhlich, daß ich sogar meine übliche Abneigung gegen kommerziellen Telefonmißbrauch vergesse und bereitwillig an einer Umfrage zur Kundenzufriedenheit mit dem Pizzalieferdienst Joey's teilnehme. Die Schwachsinnigkeit der zahlreichen Fragen variiert erheblich. Am schönsten fand ich "Wie verbunden fühlen Sie sich mit Joey's?" Soviel Romantik berührt mein Herz, und ich muß eingestehen: Ja, ja, ich fühle mich verbunden mit Joey's! Ja, ich fühle mich verbunden mit der Welt! Es ist Frühling, ich liebe euch alle! Dann setzt allerdings der Heuschnupfen wieder ein, und alles ist wie gehabt.

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5.5.06

Kindermund

So schlimm kann's mit dem demographischen Wandel nicht sein: Die Stadt voll Brut; im Eiscafé vorhin drei Erwachsene mit mehr als der doppelten Anzahl kreischender Bälger gleichzeitig eingelaufen. Die Gespräche drehten sich im wesentlichen um bevorstehende Heiraten von Bekannten. Hat Frau von der Leyen schon gesiegt?

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4.5.06

Mama, ich will auch!

Sobald es um den Standort geht, schaltet sich in bestimmten Köpfen der Verstand ganz automatisch aus. Anders ist beispielsweise das wiederholte Argument nicht zu erklären, Schleichwerbung im Fernsehen sei auch deswegen zu legalisieren, weil sich die europäische Branche in einem "immer schärferen Wettbewerb befinde", beispielsweise mit den USA, wo Product Placement erlaubt ist (FR 04.05.06:21). Erinnert ein bißchen an die Mahnung, den hiesigen Wohnungsmarkt schnellstmöglich für Spekulanten zu öffnen, weil sich sonst "das internationale Kapital womöglich nach Großbritannien" orientiert (FR 15.04.06:1). Nur die englischen Mieter ausgebeutet und nicht die deutschen? Klarer Standortnachteil! Und wenn woanders die Leute auf die Idee kommen, aus dem Fenster zu springen? Um Gottes Willen den Aus-dem-Fenster-Spring-Standort Deutschland nicht gefährden! Fenster auf und munter rausgehüpft, frei nach der selten hirnlosen Lebenseinstellung, die Katarina Witt an der führenden westlichen Nation so gut gefällt (FR 04.05.06:16): "Let's do it! Let's try it! Come on, we can make it!"

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Popetown: Positive Überraschungen

Nach der Ausstrahlung der ersten Folge ist im eher säkularen Teil dieses Landes das Erstaunen groß, was für einen riesigen Aufregungs- und Medienzirkus so ein kindischer, harmloser Quatsch auslösen konnte. Nur Hardcore-Christen mögen nicht von ihrer Empörung lassen. Mein Mitgefühl gilt hier insbesondere den Schülern des Call-In-Lehrers aus der gestrigen Diskussionsrunde.
Das allgemeine Erstaunen übersieht jedoch, daß die Aufregung vor allem von der viel lustigeren Vorab-Werbung mit einem fröhlichen, entkreuzigten Christus ausgegangen war - kein Wunder, die wenigsten hatten ja tatsächlich Ausschnitte des eigentlichen Programms zu sehen bekommen oder sehen wollen. Man darf vermuten, daß die (bald zurückgezogene) Werbung bewußt so provokant angelegt war, um durch Reiten auf der Mohammed-Karikaturen-Welle einem eher harmlosen Produkt dennoch volle Medienaufmerksamkeit zu bescheren.
Der grob fahrlässige Fehler der konservativen Eiferer, diesem Trick auf den Leim zu gehen und die Werbung nicht von der Serie zu trennen, wiederholt sich jetzt bei jenen, die sich fragen, was zur .. hm ... Hölle eigentlich los war. Positive Überraschung Nummer eins: Nachdem das Klügste, was ich bislang zum Thema gelesen habe, in der taz zu finden war, nahm es bei der Diskussionsrunde mangels anderer Medienjournalisten ausgerechnet der Mann von der FAZ auf sich, dieses Marketingkalkül von MTV anzusprechen - und setzte noch eins drauf, indem er darauf hinwies, daß die Entscheidung über eine Fortsetzung der Serie wohl weniger von den Zuschauerreaktionen als von der Meinung der Werbekunden abhängen dürfte.
Daß bei allen Arten von Werbung gerne die Kultur unters Rad kommt, ist nichts Neues. Wer den Martin Luther King-Spruch "I have a dream" oder John Lennons "Imagine" dazu benutzt, um überflüssige Telekommunikationsdienstleistungen oder ähnlichen, im Zweifel überteuerten Schwachsinn unters Zielgruppenvolk zu prügeln, macht vor religiösen Gefühlen keinen Halt - im Gegenteil: Aufmerksamkeit ist hier sicher, und um die geht es ja, nicht etwa um etwaige Eigenschaften des beworbenen Produkts. Auch der Karikaturenstreit wurde seinerzeit letztlich durch einen Marketinggag ausgelöst. Das ist auch für Atheisten und Agnostiker traurig. Positive Überraschung Nummer zwei war daher, daß MTV komplett darauf verzichtete, während der quälend langen anderthalb Stunden Diskussion plus Serie Werbung auszustrahlen. Sogar die Call-In-Nummer war keine hochpreisige Hotline (worauf ich gewettet hätte), sondern ein stinknormaler Berliner Festnetzanschluß. Über das Kalkül, das dahinter ebenfalls stecken mag, denken wir jetzt erstmal nicht weiter nach, wir sind nämlich noch ganz gerührt von der positiven Überraschung Nummer drei: Henry Gründler, Moderator der unterirdisch schlechten "Freitag Nacht News", ist eigentlich ein recht intelligenter Knabe, der mit die denkwürdigsten Diskussionsbeiträge liefern konnte. Wer hätte das gedacht!
Insgesamt also mehr als nur ein Hauch verkehrter Welt gestern - bis hin zu dem Punkt, als Markus Kavka ankündigte, MTV würde uns nun in einem kurzen Filmchen zusammenfassen, wie "Religion in der Kunst dargestellt wird". Wenigstens das hat, ganz erwartungsgemäß, nicht geklappt.

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3.5.06

Auffallen um jeden Preis

"Liebe Kundin, lieber Kunde! Uns ist aufgefallen, dass Kunden, die American Psycho gekauft haben, ebenfalls an Die Simpsons - Die komplette Season 7 (Collector's Edition, 4 DVDs) auf DVD interessiert sind", schreibt mir Amazon. Big Brother goes Spaßgesellschaft? Dem Spiegel hingegen ist aufgefallen, daß Roland Koch zwar schon unter jedem erdenklichen Vorwand abgebildet war, aber noch nie zusammen mit 17.000 Spargelstangen, und er hat prompt reagiert. Den Vereinigten Staaten schließlich dürfte aufgefallen sein, daß mit Morales schon wieder ein frecher lateinamerikanischer Staatschef versucht, die Ölindustrie zu verstaatlichen. Eine schlechte Idee, wenn man bedenkt, daß im noblen Kampf der USA für die Freiheit nicht nur in Lateinamerika die Freiheit der Konzerne mehr gilt als die Freiheit der Bevölkerung. Auffällig oft.

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