21.1.09

Fromme Wünsche

Madeleine Albright verlangt viel vom neuen US-Präsidenten: Die Welt soll er retten und Amerika sowieso, entnimmt man ihrem offenen Brief an Obama, und nicht zuletzt muß er "jene traditionellen Werte, für die Amerika von jeher international respektiert wird, wieder stärken: Optimismus, Ausdauer, Gerechtigkeit und die Sehnsucht nach Frieden" (FR 21.01.2009:2). Vielleicht ist der internationale Respekt ein kleines bißchen geringer im Irak, in Vietnam, Kambodscha, Guatemala, Nicaragua, Chile und all den anderen Ländern, die in den letzten sechzig Jahren Bekanntschaft mit Amerikas Sehnsucht nach Frieden und Amerikas Gerechtigkeitssinn schließen durften, aber davon sagt Albright nichts. Ich bekomme kurz Angst bei dem Gedanken, daß die politische Klasse der USA ihr verlogenes salbungsvolles Geschwafel selber glaubt, aber Albrights Brief rückt das zum Glück gleich wieder gerade: "Ihre Botschaft an die Welt sollte sein, dass die USA willens sind, zuzuhören und zu lernen, wenngleich sie nicht zu handeln zögern, wenn es notwendig ist". Und das ist es eigentlich immer, wie Albright aus ihrer Zeit als Außenministerin sicher noch weiß. Notwendig war es zum Beispiel 1998, eine sudanesische Arzneimittelfabrik zu zerstören, um das Ansehen des angeschlagenen Präsidenten wieder aufzupolieren. Geschätzte zehntausende Tote in der Folge waren dafür sicher kein zu hoher Preis. Es waren ja keine Amerikaner, genausowenig wie die mindestens halbe Million irakischer Kinder, die um die Jahrtausendwende an den Folgen der von den USA durchgedrückten Sanktionen starben und deren Schicksal Albright mit den Worten kommentierte: "This is a very hard choice, but we think the price is worth it". Was den Frieden betrifft, bleibt es im Zweifel eben doch bei der Sehnsucht.

Labels:

20.6.08

Es kann doch nicht sein

Date: Fri, 20 Jun 2008 15:31:58
To: volker.kauder@bundestag.de
From: David Fischer-Kerli
Subject: Ihr Statement in der Tagesschau vom 19.06.

Sehr geehrter Herr Kauder,

in der "Tagesschau" von gestern, dem 19. Juni, äußern Sie sich zum Thema der CIA-Gefangenenflüge über deutsches Territorium folgendermaßen: "Es kann doch nicht sein, daß ein ausländischer Staat ohne Kenntnisse Deutschlands unser Gebiet überfliegt oder dort landet und sich so aufführt, wie wenn es sein eigenes Territorium wäre".

Zunächst möchte ich Sie zu der Feststellung beglückwünschen, daß es sich bei den Vereinigten Staaten von Amerika nur um einen ausländischen Staat unter vielen handelt, die man bislang aus den Reihen der CDU in dieser Deutlichkeit nur selten gehört hat.

Als Bürger Heidelbergs interessiert mich jedoch besonders Ihre Kritik daran, daß sich ein ausländischer Staat auf deutschem Staatsgebiet "so aufführt, wie wenn es sein eigenes Territorium wäre". Mir ist nämlich ein Skandal in meiner Stadt aufgefallen, von dem Sie unbedingt wissen sollten. Große Teile des südlichen Stadtgebietes sind vor einigen Jahren durch die Streitkräfte des besagten ausländischen Staates komplett abgeriegelt worden; die Bewohner der Stadt werden von bewaffnetem Wachpersonal am Betreten früher frei zugänglicher öffentlicher Straßen gehindert. Selbst für das Fotografieren dieser Teile meiner Stadt werden drakonische Strafen angedroht, obwohl das betreffende Gebiet zur selben Zeit über das Computerprogramm "Google Earth" eines in dem besagten ausländischen Staat ansässigen Unternehmens für jedermann frei einsehbar ist.

Es scheint sich dabei in Deutschland um keinen Einzelfall zu handeln. Mir wurde zugetragen, daß vor einem Jahr im hessischen Butzbach derselbe ausländische Staat offenbar unter Bruch vertraglicher Vereinbarungen ganz ähnlich vorgegangen ist und Vertreter des ausländischen Staates so weit gegangen sind, sogar von Kindern auf ihrem Weg zur Schule Ausweise zu verlangen. Der Ortsvorsteher des betreffenden Stadtteils, der dieses Vorgehen dokumentieren wollte, ist von der Militärpolizei des ausländischen Staates gefesselt und eine halbe Stunde lang festgehalten worden (vgl. http://www.taz.de).

Vielleicht möchten Sie auch diese Mißstände auf genauso eindrückliche Weise zum Thema machen?

Mit freundlichen Grüßen
David Fischer-Kerli

Update 27.06.: Die parlamentarische Demokratie ist doch was Schönes. Heute tatsächlich und unerwarteterweise eine Antwort aus dem Büro des BND-Untersuchungsausschusses bekommen, und das, obwohl ich im Eifer des Gefechts den völlig falschen Kauder belästigt habe. Bitte nicht weitersagen. Die beiden Brüder sehen aber auch wirklich genau gleich aus. Im Gegenzug hat das Büro Heidelberg und Butzbach verwechselt; damit sind wir, schätze ich, quitt.

Ihr Hinweis auf Vorgänge in Heidelberg, die Sie dazu veranlassen, festzustellen, dass sich ein ausländischer Staat "so aufführt, wie wenn es sein eigenes Territorium wäre" greift zwar eine Aussage des Vorsitzenden des 1. Untersuchungsausschusses auf. Sie werden aber sicher verstehen, dass der Vorsitzende des 1. Untersuchungsausschusses zwar seine Bewertung zu dem Verhalten von Staaten auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland, so wie es sich nach den Erkenntnissen des 1. Untersuchungsausschusses darstellt, äußert. Eine allgemeine Untersuchung oder Stellungnahme zu Vorfällen wie Sie sie in Heidelberg schildern, würde aber die parlamentarische Beauftragung des 1. Untersuchungsausschusses sprengen.

Wie Sie in Ihrem Schreiben im Übrigen darlegen, ist diese Angelegenheit zwischenzeitlich auch von der Presse aufgegriffen worden und der Ortsvorsteher des betreffenden Stadtteils selbst ist von diesem von Ihnen kritisierten Verhalten in Heidelberg betroffen. Daraus entnehme ich, dass der Vorfall bereits Gegenstand politisch-parlamentarischer Bewertungen geworden ist. Ich bitte Sie um Verständnis, dass sich der Vorsitzende des 1. Untersuchungsausschusses zu diesem Vorgang, dessen abschließend geklärter Sachverhalt ihm nicht bekannt ist, nicht äußern kann.

Labels:

30.7.07

1984, 2001, 2007: kein Ende abzusehen

Das sind doch mal gute Nachrichten: Bush will den Nahen Osten hochrüsten! Ist ja auch wirklich ekelhaft friedlich dort.

Die US-Regierung plant eine massive Aufrüstung befreundeter Staaten im Nahen und Mittleren Osten. Um den Einfluss des Iran in der Region zurückzudrängen, sollen Israel sowie sieben mit Washington verbündete arabische Staaten bis 2017 Rüstungsgüter für 63 Milliarden Dollar erhalten. Erstmals will Washington offenbar moderne Präzisionsbomben an Saudi-Arabien und andere Golfstaaten liefern (FR 30.07.2007:1).

Daß die amerikanische Total Information Awareness-Politik in Folge des 11. September 2001 deutliche Züge von "1984" trägt, ist schon aufgefallen, bevor die Sicherheitshysterie auch hierzulande Fuß gefaßt hat. Der Orwellsche Umgang mit der Geschichte, der die amerikanische Kultur (und Außenpolitik) durch alle Zeiten hindurch geprägt hat, wird dagegen fast immer großzügig übersehen. Wir sind im Krieg mit Eurasien, wir sind immer im Krieg mit Eurasien gewesen. Rumsfeld beim Shakehands mit Saddam? Interessiert heute keinen mehr. Und wo die Taliban eigentlich herkommen, oder warum der Iran keine Demokratie mehr ist: erst recht nicht. Das gelobte Land Amerika macht keine Fehler; was dazu nicht paßt, wird passend gemacht. Vom Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern bleiben nur die tapferen Cowboys, die ihre Familien gegen die Wilden verteidigen mußten. Von all den Diktatoren, die man selbst hochgepäppelt hat, bleibt nur der Kreuzzug für die Freiheit.

Erinnerungslosigkeit führt dazu, daß dieselben Fehler immer wieder gemacht werden. Früher wurde nicht Saudi-Arabien gegen den Iran aufgerüstet, sondern der Irak; wie es dann weiterging, ist bekannt. Gestern wurden die Taliban gegen die Sowjetunion unterstützt, heute Pakistan gegen die Taliban, morgen vielleicht wieder umgekehrt. Die Zukunft? Genauso scheißegal wie die Vergangenheit, genauso scheißegal wie die Zahl der Leute, die dabei verrecken. Hauptsache, gestorben wird anderswo. Und wenn alle Stricke reißen, gibt's halt den nächsten Krieg. Der liebe Gott wird's schon richten.

Labels:

8.6.07

Wieder Ärger im Kral

Unausgesprochene Maxime der amerikanischen Außenpolitik scheint seit Jahrzehnten zu sein, daß der Rest der Welt aus irgendwelchen zurückgebliebenen Eingeborenen besteht, mit denen man umspringen kann, wie es beliebt. Das militärische Fußvolk hat diese Haltung recht gut internalisiert; das Ergebnis sieht man im "befreiten" Irak. Schön wäre es, wenn die Eingeborenenhäuptlinge irgendwann mal etwas unternähmen, um diese Sicht der Welt zu korrigieren. Stattdessen übersetzt man in den meisten europäischen Staaten "transatlantische Freundschaft" mit hemmungsloser Arschkriecherei. Trauriger Höhepunkt aus jüngster Zeit: Das Radar-Begrüßungsständchen der tschechischen Verteidigungsministerin ("Guten Tag, Flagge mit Sternen und Streifen. Du hast dich schon über uns entrollt").

Dabei lassen die Herrenmenschen gerade auch in befreundeten Staaten gerne heraushängen, wer der Reiter und wer nur das Roß ist. Nicht nur die gegen alle Widerstände hingeklotzte amerikanische Botschaft in Berlin spricht Bände. Während sich letztes Jahr beim Bush-Besuch in Deutschland noch ranghohe einheimische Politiker von den Sicherheitsleuten des Präsidenten herumschubsen lassen mußten, war es gestern nur ein Ortsvorsteher aus dem hessischen Butzbach, der eine halbe Stunde gefesselt in Gewahrsam von US-Soldaten verbrachte:

Hintergrund ist eine Übereinkunft zwischen Staatskanzlei, Stadt und US-Army, eine Straße durch die Housing Area offen zu halten, damit Bewohner des Ortsteils Degerfeld ungehindert zum Hessentag gelangen. Der Stadtteil ist nämlich ohne den Korridor für Fußgänger komplett von der Innenstadt getrennt. Doch die Army hielt sich nicht an die Abmachung. Sie kontrollierte und durchsuchte Passanten. Einem Altenpfleger wurde der Durchgang verweigert. Kinder und alte Menschen durften nur im Pulk und in Begleitung von Militärfahrzeugen passieren. "Das waren kriegsähnliche Zustände", ärgert sich Ortsvorsteher Fritz Grimminger. Als er das Vorgehen fotografierte, wurde er von Soldaten überwältigt (FR 08.06.2007:D1).

Anwohner demonstrierten spontan mit "Ami go home"-Plakaten. Leute, habt ihr nicht kapiert? Die sind schon zuhause. In der ganzen Welt.

Labels:

6.6.07

Egal

Wie hält man es aus, wenn der Ehemann eine Staatskrise auslöst, indem er Praktikantinnen an seine Unterwäsche läßt? Hillary Clinton jedenfalls durch den Glauben an Gott, denn er hat ihr "den Mut und die Stärke gegeben, um das zu tun, was ich für richtig hielt, egal was die Welt dachte" (FR 06.06.2007:6). Moment mal ... immer fest an Gott glauben und auf den Rest der Welt scheißen? Das tut doch George W. auch schon! Wie zu vermuten war: Ob nun Hillary oder irgendwer anders in diesem bescheuerten Land Präsident ist - ändern wird sich nix.

Labels: ,

21.5.07

Rechtsstaat 2007

"In der Verhandlung hatte der 32-Jährige überraschend gestanden, die Terrororganisation al-Qaida aktiv unterstützt zu haben. Hicks war Ende 2001 in Afghanistan von US-Truppen verhaftet und 2002 nach Guantánamo gebracht worden. Sein Vater Terry Hicks hatte kritisiert, sein Sohn David sei misshandelt worden und habe sich nur schuldig erklärt, um 'der Hölle zu entkommen'.
Laut seiner Anwälte musste sich Hicks dazu verpflichten, Misshandlungsvorwürfe gegen die US-Behörden fallen zu lassen. Außerdem darf er weder gegen das Urteil Berufung einlegen noch Washington auf Schadenersatz verklagen. Nach seiner Freilassung wird es ihm ein Jahr lang untersagt sein, mit den Medien zu sprechen. Dasselbe gilt für seine Familie." (taz 21.05.2007:9)

Labels: ,

11.11.06

Alles wird gut

Kaum ist die Mehrheit der Republikaner im amerikanischen Kongreß futsch, freut man sich hierzulande wieder auf das "gute Amerika": "als einen Pionierstaat der Demokratie, als Hort der Rechte, der Toleranz und der Chancengleichheit und natürlich (...) als starken Arm der Freiheit" (FR 10.11.2006:3). Daß dieses USA-Bild in letzter Zeit etwas ins Wanken geraten ist, liegt offenbar ganz alleine an einer kleinen Bande von Unholden, die sich vor sechs Jahren dieses großartige Land völlig gegen den Willen seiner herzensguten Bewohner unter den Nagel gerissen und damit Schindluder getrieben hat. Damit kennt man sich in Deutschland ja aus. In zwei Jahren sind dann auch die letzten abgewählt und verschwunden, und es herrscht wieder Frieden und Liebe überall. Komisch nur, daß Themen wie Folter und Guantanamo im Wahlkampf so eine geringe Rolle gespielt haben. All die guten Amerikaner sind doch sicherlich entrüstet über solche Scheußlichkeiten? Woher kam dann die Angst der US-Demokraten, "einmal mehr als Weicheier im Anti-Terror-Kampf abgekanzelt zu werden" (FR 30.10.2006:1), sollten sie diese Themen ansprechen?
Zudem habe ich vage Erinnerungen, daß der Hort der Rechte und starke Arm der Freiheit auch schon vor der Amtszeit des jetzigen Präsidenten kräftig Scheiße gebaut hat. War da nicht irgendwas in Chile? In Nicaragua? In Vietnam? George W. Bush freut sich über das Todesurteil gegen Saddam Hussein, weil damit endlich die Herrschaft des Rechts über die Tyrannei wiederhergestellt ist. Eines der Verbrechen, die Saddam zur Last gelegt werden, ist der Angriffskrieg gegen den Iran, vom Gericht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet (FR 06.11.2006:3). Hatten nicht die USA seinerzeit genau diesen Tyrannen unterstützt, weil er gerade jenen Angriffskrieg geführt hat? Einen Krieg gegen ein mißliebiges Regime, das nur an die Macht kommen konnte, weil die USA zuvor den Sturz der demokratisch gewählten iranischen Regierung betrieben hatten? Und das alles wird nie wieder vorkommen, bloß weil die Bush-Regierung abgewählt wird?
Die New Yorker Literaturwisenschaftlerin Marcia Pally bilanziert: "Gerade was die Freiheit angeht, kann nicht häufig genug daran erinnert werden, dass Amerikaner seit jeher die ökonomische Freiheit meinen, also den Zugang zu fremden Märkten und Rohstoffen. Politische Freiheit dagegen wird von ihnen eher als historischer, vor allem in Europa beheimateter Sonderfall angesehen (...). Im Rest der Welt aber ging es den Amerikanern stets nur um ökonomische Freiheit und politische Stabilität. Diese Auffassung von Außenpolitik wird von Politikern aller Couleur vertreten, von Demokraten genauso wie von Republikanern: Zwischen 1945 und 2005 haben die Vereinigten Staaten 50 ausländische Regierungen gestürzt, über 30 nationale Befreiungsbewegungen unterdrückt und waren zudem an Attentaten gegen 35 ausländische Staatsführer beteiligt" (FR 10.11.2006:15). Gutes Amerika.

Labels:

17.9.06

Das Ende der Geduld (Folge 1085)

Ungewöhnliche Probleme erfordern ungewöhnliche Lösungen. Insofern ist es nur konsequent, wenn George W., der Verteidiger der Freiheit, jetzt auch "die Regeln hinsichtlich der juristischen Auslegung der Genfer Konventionen zum Schutz von Kriegsgefangenen lockern (...), unter Zwang zustande gekommene Aussagen vor Gericht zulassen und Angeklagten als geheim eingestufte Beweismittel vorenthalten" möchte (FR 16.09.2006). Vielleicht übertreibt der Gute es aber auch ein bißchen, wenn schon Colin Powell festhalten muß: "Die Welt beginnt, an der moralischen Grundlage unseres Kampfes gegen den Terrorismus zu zweifeln". Beginnt? So kann man es auch nennen.
In einer Welt, die offensichtlich jeden Tag ein kleines Stückchen wahnsinniger wird, bleibt immerhin noch der Trost der sonntäglichen Lindenstraße; dort passiert wenigstens in der Regel eine halbe Stunde lang gar nichts. Leider trägt auch diese Sendung immer weniger zur moralischen Orientierung in unruhigen Zeiten bei. Nicht nur, daß seit Jahren kontinuierlich das Loblied der gleichgeschlechtlichen Liebe gesungen wird; seit "Tiger" Tom die Freuden des Hanfs entdeckt hat, brennen hier sogar Tüten auf Kinderspielplätzen. Gut, daß es Zuschauerinnen wie Christa gibt. Bereits ihr erster Satz in der Zuschauerpost vom 15.09 - "Heute muß ich auch mal meinen Senf zur letzten Folge dazugeben" - spricht mir aus der Seele, und es geht sogar noch weiter: "Zu Tom möchte ich sagen. Last ihn doch ein sozialen Jahr machen. am besten in einer Entzugsklinik, dann sieht er ja wie weit man mit Rauschgift kommt. So zum Schluß möchte ich noch sagen, daß die Lindenstrasse bitte noch viele Jahre weiterlaufen soll. Was sollen wie denn sonst Sonntagabend machen". Vielleicht mal gemütlich einen durchziehen? Anders ist das ja alles kaum zu ertragen.

Labels: ,

11.9.06

Erinnerung

"Ground Zero" steht eigentlich für den Punkt einer Bombendetonation oder eines Bombenabwurfs. Lange Jahre wurde dieser Begriff vor allem mit den beiden einzigen Atombomben assoziiert, die jemals gegen Menschen eingesetzt wurden. In Hiroshima und Nagasaki starben 150.000 Zivilisten unmittelbar an den Folgen des Bombenangriffs, etwa 200.000 weitere an den Spätfolgen. Japaner.
Ich bin 1973 geboren, eine Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, gleichzeitig aber zu einer Zeit, in der in Vietnam eben erst damit aufgehört wurde, Napalm über Dörfer und ihre Bewohner zu kippen. Bis zu vier Millionen Zivilisten kamen durch diesen Krieg ums Leben. Vietnamesen. Am 11. September desselben Jahres, 1973, wurde die demokratisch gewählte Regierung Salvador Allendes in Chile durch einen Militärputsch mit Billigung bis Unterstützung der CIA und der US-Regierung gestürzt. Die von den Vereinigten Staaten unterstützte Militärdiktatur tötete zehntausende Menschen. Chilenen. Während des kalten Krieges erlitten viele weitere lateinamerikanische Staaten ein ähnliches Schicksal; die Zahl der Opfer betrug wohl insgesamt mindestens 100.000, nicht mitgezählt Überlebende der Folter. Mittelamerikaner, Südamerikaner.
Am 11. September vor fünf Jahren flogen zwei entführte Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Centers, zwei- bis dreitausend Menschen starben durch den Aufprall und den Einsturz der Gebäude. Zum größten Teil US-Bürger. Ein beispielloses Verbrechen. Der größte Massenmord der Geschichte. Ein Angriff auf die Werte der Zivilisation.

Labels: ,

12.6.06

Der ewige Krieg

Drei Gefangene haben sich offenbar in Guantanamo umgebracht. Was lernen wir daraus? Lagerkommandant Harris jedenfalls nicht viel: Für ihn waren die Selbstmorde eine geplante Aktion im asymmetrischen Krieg gegen die USA. Aus dieser Perspektive erscheint es natürlich als besonders gemeiner Schachzug der niederträchtigen Feinde der freien Welt, sich von den aufrechten US-Truppen in Haditha und anderswo massakrieren zu lassen. Kinder und Alte im Rollstuhl gegen schwerbewaffnete Soldaten - asymmetrischer geht's ja wohl kaum.
Mit Interesse darf man feststellen, daß die US-Kriegspropaganda wieder die orwellschen Dimensionen erreicht hat, die man noch aus dem Vietnamkrieg schätzt ("Es war nötig, das Dorf zu zerstören, um es zu retten"). Orwells "1984" sollte man ohnehin mal wieder zur Hand nehmen, wenn man die Außen- wie Innenpolitik der Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001 verstehen möchte. Terrorismus als Begründung dafür, daß der Staat alles darf, ist ja keine besonders neue Idee. Goldstein oder bin Laden - wen kümmert's?
Daß im permanenten Ausnahmezustand die Grenzen zwischen Demokratie und Diktatur fließend werden, dämmert mittlerweile auch der Frankfurter Rundschau. Diese Entwicklung hätte man allerdings schon früher ahnen können: "Krieg ist Frieden, Unwissenheit ist Stärke" ist schließlich nicht erst seit 2001 das inoffizielle Motto der USA. Letzteres gilt natürlich nicht für die amerikanischen Geheimdienste - die wollen nämlich alles wissen. Für einen Rechtsstaat ist das zwar ein bißchen heikel, aber davon haben sich die Vereinigten Staaten von Guantanamo wohl endgültig verabschiedet.

Labels:

8.6.06

Fragen

Islamistische Milizen haben die somalischen Warlords endgültig aus Mogadischu vertrieben. Ted Dagne, Afrikaexperte beim Forschungsdienst des US-Kongresses: "Die Islamisten haben wenigstens für Stabilität und soziale Einrichtungen gesorgt. Dagegen wussten die Kriegsfürsten nur, wie man unschuldige Zivilisten verstümmelt oder tötet" (FR 07.06.2006:3). Eine kleine Quizfrage: Welche der beiden Bürgerkriegsparteien wurde von der US-Regierung unterstützt? Vielleicht noch ein Tip: Die getöteten und verstümmelten Zivilisten, von denen hier die Rede ist, wohnen nicht in New York oder sonstwo in den Vereinigten Staaten, sondern nur in Afrika. Jetzt ist es aber ganz leicht, oder? Deshalb noch eine Zusatzfrage für Rätselfüchse: Warum gibt es eigentlich Terror gegen die USA?

Labels:

11.5.06

Frühling hinter Gittern

Die Freyd und Wonne am Frühling in dieser schönen Stadt Heidelberg stößt immer wieder buchstäblich an ihre Grenzen, wenn der Spazierweg von Zäunen und Sicherheitspersonal abgesperrt wird, wo es früher noch offen war. Bei den "Support Our Troops"-Bannern, die dort gelegentlich angebracht sind, wünscht man sich, sie würden auch verraten, warum man das eigentlich tun sollte. Vielleicht weil die Truppen sich unter Einsatz nicht nur ihres eigenen Lebens darum kümmern, daß der Treibstoff für die immer größer werdenden SUVs mit den Kennzeichen AD, AF und HK auch in Zukunft fließt? Irgendwie erinnert eine Stadt, die zu einem guten Teil off limits für ihre eigenen Bewohner ist, weil dort fremdes Militär sitzt, doch ein bißchen an ... wie war das ... ach ja, genau.

Labels: ,

3.5.06

Auffallen um jeden Preis

"Liebe Kundin, lieber Kunde! Uns ist aufgefallen, dass Kunden, die American Psycho gekauft haben, ebenfalls an Die Simpsons - Die komplette Season 7 (Collector's Edition, 4 DVDs) auf DVD interessiert sind", schreibt mir Amazon. Big Brother goes Spaßgesellschaft? Dem Spiegel hingegen ist aufgefallen, daß Roland Koch zwar schon unter jedem erdenklichen Vorwand abgebildet war, aber noch nie zusammen mit 17.000 Spargelstangen, und er hat prompt reagiert. Den Vereinigten Staaten schließlich dürfte aufgefallen sein, daß mit Morales schon wieder ein frecher lateinamerikanischer Staatschef versucht, die Ölindustrie zu verstaatlichen. Eine schlechte Idee, wenn man bedenkt, daß im noblen Kampf der USA für die Freiheit nicht nur in Lateinamerika die Freiheit der Konzerne mehr gilt als die Freiheit der Bevölkerung. Auffällig oft.

Labels: ,

4.4.06

Planet der Affen reloaded

Tele 5 war neulich so nett, den bemerkenswerten Spielfilm "The Boys from Brazil" zu senden, allerdings in der um über 20 Minuten gekürzten deutschen Fassung, die auf die gewalttätigsten Szenen verzichtet. Ein IMDB-Benutzer hält den Film trotz seiner Brutalität für geeignet für Jugendliche, sofern man zwei kurze Nacktszenen überspringt. Preisfrage: Aus welchem Land kommt er? (Hinweis: In der dortigen Fernsehfassung sind die Nacktszenen herausgeschnitten, die Gewalt aber vollständig erhalten.) Tags darauf war in der Rundschau zu lesen, daß in immer mehr US-Bundesstaaten ein sogenanntes "Behaupte dich"-Gesetz eingeführt wird, das das Prinzip "Erst schießen, dann fragen" zur Verhaltensmaxime erhebt. Kein anderes zivilisiertes Land der Welt habe ein ähnliches Gesetz, meint ein Kritiker (FR 03.04.2006: 8). Der Wilde Westen lebt! Die Bürger der "anderen" zivilisierten Staaten könnten das für eine nette folkloristische Eigenheit halten, wäre nicht die amerikanische Außenpolitik nach demselben Muster gestrickt. Die vage Hoffnung bleibt, daß sich dort irgendwann alle gegenseitig erschossen haben, die das wollen. Für die internationalen Beziehungen wäre das jedenfalls kein Schaden.

Labels:

25.3.06

Der Präsi dreht ab

In Weißrußland ist das einfach: Wer gegen das Wahlergebnis protestiert, wird als Terrorist behandelt, versprach der dortige Geheimdienstchef Anfang der Woche. Ich hatte bislang das weißrussische System für eher anachronistisch gehalten, aber jetzt ist mir klar: Lukaschenko und seine Jungs sind die Männer der Zukunft! George W. hatte das seinerzeit nach seinem geklauten Wahlsieg noch anders gehandhabt, aber damals gab es ja den "Krieg gegen den Terror" noch nicht. Mittlerweile wird dank Abhör-Präsidentenerlaß und "Patriot Act" Amerika wieder so flächendeckend bespitzelt wie in den 50er/60er Jahren, nur mit ganz anderen technischen Möglichkeiten. Wir erinnern uns: Terrorism Information Awareness ist dasselbe wie Total Information Awareness! Da sollten sich Dissidenten (=Terroristen) gut ausfindig machen lassen, wenn in zwei Jahren die US-Verfassung leider geändert werden muß, um in diesen harten Zeiten des Krieges dem Präsidenten eine dritte Amtszeit zu ermöglichen (auch hier: Weißrußland avantgardistisch). Und der Krieg gegen den Terrorismus - dieser Krieg hört nie auf.

Labels: ,

Alle Einträge

Archiv

September 2004  •  Oktober 2004  •  März 2006  •  April 2006  •  Mai 2006  •  Juni 2006  •  Juli 2006  •  August 2006  •  September 2006  •  November 2006  •  Dezember 2006  •  Januar 2007  •  Februar 2007  •  März 2007  •  April 2007  •  Mai 2007  •  Juni 2007  •  Juli 2007  •  September 2007  •  Oktober 2007  •  November 2007  •  Dezember 2007  •  Februar 2008  •  März 2008  •  April 2008  •  Juni 2008  •  Juli 2008  •  Dezember 2008  •  Januar 2009  •  efc news