31.1.07

Fürchte dich nicht!

Eltville/Mainz - Aus Verärgerung über den neuen Fahrplan hat ein 50-jähriger Bahnkunde am Montagabend in Eltville den Zugverkehr blockiert. Wie die Bundespolizei am Dienstag in Mainz mitteilte, legte er sich auf die Schienen, nachdem er zuvor laut darüber geschimpft hatte, dass seine gewohnte Verbindung gestrichen worden war. Polizisten holten ihn nach einer Viertelstunde von den Gleisen, vier Züge verspäteten sich deshalb.
(FR 20.12.2006:24)

Der Student E. hatte die Angewohnheit, sich zu viele Gedanken über bestimmte Dinge zu machen. So fand es E. nur passend, daß der öffentliche Nahverkehr in seiner Heimatstadt Heidelberg - einer Stadt der Wissenschaft und der Philosophie - sich nie in der schnöden Fortbewegung von hier nach da erschöpfte, sondern immer auch über die Maßen zum Nachdenken anregte. Was genau war der Unterschied zwischen VRN und RNV, und gab es eigentlich die HSB noch? Warum wurden ausgerechnet bei der Straßenbahn zum Hauptbahnhof die ältesten, zur Beförderung von Gepäck ungeeignetsten Wagen eingesetzt, und warum war gerade diese Linie immer zu spät, wo es doch am Bahnhof besonders auf Pünktlichkeit ankam? Mit welcher Absicht wurden die Fahrpläne so gestaltet, daß es für das menschliche Gedächtnis unmöglich war, sich die Abfahrtszeiten abends und am Wochenende zu merken? War dieser Bus noch der letzte oder schon der nächste? Solcher Art waren die Fragen, die E. sich stellte, und er zermarterte seinen Geist so sehr, daß er eines Tages vor lauter Grübelei gar nicht mehr wusste, in welcher Stadt er sich überhaupt befand: Heidelberg? Mannheim? Ludwigshafen gar? Da hörte E. auf einmal eine Stimme wie Donnerhall. "Fürchte dich nicht!" sprach die Stimme. "Ab sofort gilt das Prinzip: Jeder Linie ihre Nummer. Es hilft dir, dich zu orientieren, denn im RNV-Gebiet kommt jede Nummer nur noch einmal vor. Sieh diese Straßenbahn: Sie trägt die Nummer 23, nicht 3. Du bist immer noch in Heidelberg." Und etwas leiser fügte die Stimme hinzu: "Das gemeinsame Liniennetz ist übrigens auch die Grundlage für ein gemeinsames Rechnergestütztes Betriebsleitsystem (RBL)." Diese Auskunft ließ E. stutzen, denn er neigte bekanntlich zum Nachdenken. Hätte dazu nicht auch eine interne Lösung genügt, statt gleich die Linien umzubenennen? "Aber nein", ertönte die Stimme wieder. "Glaub mir, es ist einfacher so. Und es geht dabei vor allem um die Interessen der Fahrgäste."

Als E. diese Worte noch in seinem Herzen bewegte, vernahm er ein großes Wehklagen. Er blickte auf und sah, daß sich noch einiges mehr geändert hatte: Wo einst die Busse 41, 42 und 33 verkehrten, fuhr jetzt nur noch der Bus 33, der aber auch die früheren Linien 31 und 11 abdeckte. Dem Bus Nummer 12 war es gar schlecht ergangen, wie auch die Nummer 21 ihren alten Namen nicht mehr tragen durfte, und ähnliche Grausamkeiten mehr. Große Verwirrung herrschte überall, und die Menschen waren verzweifelt. "In einem Monat hat sich das alles gesetzt. Nur etwas Geduld! Langfristig schafft auch dies mehr Qualität für die Fahrgäste", wandte sich die Stimme beruhigend an E., und sie fuhr fort: "Grundlage dieses neuen Fahrtenangebots bildet der von der Stadt Heidelberg überarbeitete Nahverkehrsplan. Er ist als Ergebnis zahlreicher Veranstaltungen unter hoher Bürgerbeteiligung und damit als Kompromiss zwischen Stadt und Bürgern zu verstehen. Das aus dem Nahverkehrsplan entwickelte Liniennetz schließt somit verbesserte und eingeschränktere Bedienungen ein." E. hätte nun gerne nachgefragt, wie es möglich sei, daß eingeschränktere Bedienungen mehr Qualität für die Fahrgäste böten, aber die Stimme erhörte ihn nicht mehr, sondern dozierte weiter über Schwachverkehrszeiten und angenäherte Zehn-Minuten-Takte ("Einzelne Linien weichen von diesem Raster ab") sowie die Situation in Ludwigshafen.

In seiner Not wandte sich E. an das geschulte Personal der Verkehrsbetriebe, doch das Personal war selbst verwirrt. Langsam wurde E. argwöhnisch, ob hier nicht System dahintersteckte: Vielleicht waren die Plakate mit der neuen Linienübersicht absichtlich auf schlechte Lesbarkeit hin gestaltet? Vielleicht war es gar kein Zufall, daß sich die Datei mit dem neuen Linienplan aus dem Internet, von der E. sich Trost und Stärkung erhofft hatte, erst gar nicht öffnen ließ? Je mehr E. über all dies nachsann, desto weniger schien er zu verstehen, bis er schließlich ernsthaft an seiner geistigen Verfassung zu zweifeln begann. Hörte er denn nicht bereits Stimmen? E. flüchtete sich in den nächstbesten Bus, um Ruhe zum Nachdenken zu finden, und tatsächlich: An den Fenstern der Buslinie 31 zog die schöne Landschaft Heidelbergs so beruhigend vorbei, daß E. wieder Hoffnung und Zuversicht fasste, bis sich auf einmal die Liniennummer des Busses unversehens während der Fahrt in 32 verwandelte. "Das ist nur zum Vorteil der Fahrgäste", hörte E. die Stimme noch sagen, bevor um ihn herum alles in Dunkelheit versank.

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20.1.07

Mehr Demokratie wagen

"Mein Gott, ich dachte immer, Demokratie besteht auch aus dem Auswahlprinzip", wundert sich Horst Seehofer vom Abstellgleis. Eine gewagte Aussage für jemanden von der CSU! Immerhin verläuft selbst in dieser Partei der politische Prozeß eine kleine Idee zivilisierter als in der spanischen Gemeinde Fago, deren Bürgermeister Miguel Grima vorige Woche erschossen aufgefunden wurde. Das gesamte Dorf steht unter Mordverdacht. "Grima hatte in seinem Dorf viele Feinde gehabt. Das Mitglied der konservativen Volkspartei hatte sich gegen Baupläne gewehrt und dafür eingesetzt, dass der Ort sein ursprüngliches Aussehen behält" (FR 17.01.2007:16). Theoretisch wäre Abwahl zwar auch eine Option gewesen, aber wahrscheinlich wollte man lieber "ein starkes Signal der Geschlossenheit" (Beckstein) setzen. Geht ja auch schneller so ohne "monatelange Diskussion".

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19.1.07

Schöne neue Welt (1)

"Die Hirnströme sind bei Menschen individuell so verschieden, dass sie als biometrische Merkmale verwendet werden können. So lassen sie sich neben Fingerabdrücken, der Beschaffenheit der Iris im Auge oder der Geometrie des Gesichts zur Identifizierung von Menschen nutzen. Das sagen Wissenschaftler des europäischen Forschungsprojekts HUMABIO, die an der Hard- und Software eines solchen Erkennungssystems arbeiten." (wissenschaft.de)

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14.1.07

Volle Farben, rhythmische Musik und nicht zuletzt betörende Düfte verwandeln sinnliche Momente in Oasen der Energie!

Ihr wollt mehr? Bitte sehr! Und kauft dies!

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13.1.07

Winterspeck: Chancen und Risiken

Man kann vom Winter halten, was man will, das Essen ist jedenfalls gut. Ich fürchte nur, die allweihnachtliche Mastkur hat bei mir bleibende Schäden hinterlassen: Seit Heiligabend habe ich eigentlich nicht mehr aufgehört zu essen. Selbst das orthodoxe Weihnachtsfest ist mittlerweile vorbei, Pflänzli hat seine Christbaumkugel längst wieder abgegeben, draußen herrscht klimagewandeltes Frühlingswetter, ich esse weiter. Kaum nähern sich die in der Adventszeit angelegten Schokoladenvorräte ihrem Ende, muß ich feststellen, daß McDonald's ausgerechnet jetzt mein Lieblings-Aktionsprodukt im gesamten Universum wieder anbietet. Der Big Mac ist zwar der König, der Big Rösti aber der Kaiser, wenn nicht sogar Gott der ungesunden, politisch inkorrekten Ernährung. All mein Hab und Gut gäbe ich für ihn hin! Strenggenommen läuft es genau darauf hinaus - beim stolzen Preis von EUR 3,75 die Einheit, in Worten: Siebenmarkfuffzig. Es kann also nicht ewig weitergehen mit meiner verlängerten Weihnachtszeit, zumal sich ein weiterer Faktor immer mehr in den Vordergrund drängt: Die Dominosteine werden knapp. Es werden zwar noch vereinzelte Restnikoläuse und dergleichen verramscht, aber - weh mir! - kein einziger Dominostein mehr zu finden! Wie kann das sein? Werden die Restbestände am sechsten Januar bei Nacht und Nebel eingezogen, um zu Blätterkrokant für Ostern zermahlen zu werden? Oder zu Halloween-Kürbissen? Ein schwacher Trost bleibt: Bis im Einzelhandel die Vorweihnachtszeit ausbricht, dauert es gar nicht mehr so lange. Ihr leckeren kleinen Schlingel, spätestens im August sehen wir uns wieder!

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8.1.07

Packungsaufschriften: das leibhaftige Böse

Ich habe recht früh lesen gelernt; im Rückblick hätte ich's vielleicht lieber bleiben lassen sollen. Denn seit ungefähr dreißig Jahren habe ich die allergrößte Mühe, nicht jeden Scheiß zu lesen, der an meinen Augen vorbeikommt. Davon profitieren unter anderem Chrismon, das Magazin für weichgespültes Christentum, der "Gaisberg-Rundblick" und diverse Anzeigenblättchen, ich selber leider weniger. Am meisten Pein verursachen mir dabei eindeutig Packungsaufschriften. Der Genuß von "Oliva Anchovy" von "Feinkost Dittmann" war jedenfalls ziemlich im Eimer, als ich dies hier entdecken mußte:
"Diese neue Gourmet-Kreation wird Sie begeistern! Ausgesuchte Oliven werden entsteint, mit zarter Sardellencreme gefüllt und liebevoll mit einer Olivenhaube verschlossen. Durch die ausgewählten, verschiedenen Geschmacksrichtungen, passen Sie zu jedem Anlass."
Liebevoll verschlossen? Leute, bitte! Und was ist mit dem letzten Satz los? Ich passe zu jedem Anlaß? Und die Kommas? Heißt Globalisierung jetzt, daß man auch so schreiben muß, als käme das Produkt aus Taiwan? Das muß doch irgendjemand aufgefallen sein! So dachte ich zumindest einen Moment lang, bevor mir die erschütternde Wahrheit klar wurde: Nein, es ist niemandem aufgefallen. Und warum nicht? Ganz einfach - weil niemand außer mir Packungsaufschriften liest! Nicht einmal der Hersteller! Und das kommt so:

Im Untergeschoß größerer Betriebe gibt es ein kleines Kellerverlies, in dem zusammengepfercht und angekettet inmitten von Dunkelheit und Fäulnis der Aussatz des Produktionsprozesses dahinvegetiert: die Packungsaufschriftenschreiber, Leute, bei denen es nicht einmal für die Werbebranche gereicht hat; einmal pro Monat werden sie notdürftig mit dem Gartenschlauch abgespritzt, den Rest der Zeit hocken sie in ihrem eigenen Unrat und denken sich Texte wie diesen aus:
"Feinste Schweizer Schokolade. Nestlé Die Weisse macht es vor! Entdecken Sie das cremige Geheimnis weisser Schokolade, die jeden Geniesser zum Schmelzen bringt. Und nun stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einem Gipfel in den Schweizer Alpen, die Sonne scheint und Sie lassen Nestlé Die Weisse auf Ihrer Zunge zergehen. So lecker und cremig kann weisse Schokolade sein."
Der Müll, der dabei herauskommt, ist nicht nur so unbeschreiblich, so abgrundtief blöde, sondern auch noch behaftet mit dem Miasma des Verderbens aus den Pfuhlen der Packungsaufschriftenschreiber, daß niemand außer dem Setzer es über sich bringen würde, auch nur einen Blick darauf zu werfen; selbst den Setzer schüttelt es vor Ekel, wenn er diesen Schund auf die Packung bringen muß, und er überträgt nur ganz wenige Worte auf einmal. (Daher auch die häufig fehlenden Bindestriche, das sogenannte Deppenleerzeichen.)

Der Konsument weigert sich sowieso, sich vorschreiben zu lassen, was er sich beim Schokoladeessen vorstellen soll, oder er kann nicht lesen, in jedem Fall bleibt die Packungsaufschrift unbeachtet. Anders ist nicht zu erklären, warum beispielsweise auf dem Schwarzwälder Kirschwasser der "Peterhaus Brennerei" ungefragt mitgeteilt wird: "Das Tragen der Bollenhut Tracht und das Brennen von edlen Bränden sind beliebte Repräsentanten dieser Region" oder warum der Pfefferminzsirup der Firma Darbo zur "Wellness Oase zwischendurch für alle, die sich Zeit für Entspannung nehmen und vital bleiben wollen" mutiert. Es ist auch besser so, daß niemand die Abgründe der menschlichen Unkultur, die Packungsaufschriften sind, zur Kenntnis nimmt, denn sie verursachen Krätze, Fehlgeburten und schwere seelische Beschwerden. Es war ein großer Fehler von mir, jemals damit angefangen zu haben; ich werde dafür in der Hölle schmoren. Mir bleibt nur noch, euch arglose Leser zu beschwören: Macht nicht denselben Fehler! Lest niemals - niemals! - Packungsaufschriften! Und lest vor allem nicht diesen Blogeintrag!

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1.1.07

Prophet Sachs

Alles, was 2007 sein könnte, war schon 2006.

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