21.2.08

Theorie und Praxis

Die Marktwirtschaft wäre eine feine Sache, wenn man sie nur machen ließe. Beispielsweise ist der Wettbewerb, um den sich alles dreht, gar kein so dummes Konzept. Wenn aber die Konkurrenz einfach aufgekauft wird, frißt der Kapitalismus die Marktwirtschaft. Und der in der Theorie zentrale Vorteil der Markt- gegenüber der Planwirtschaft, die bedarfsgerechte Produktion, wird durch die bunte Welt der Werbung völlig seines Sinns entleert. Was irgendjemand wirklich braucht, spielt längst keine Rolle mehr. "The idea that people know what they want is wrong", hat angeblich vor Urzeiten eine Vizepräsidentin von MSN gesagt; den Satz wird jeder beliebige Werber gerne unterschreiben. Aber nicht nur in dem, was jemand braucht, sondern auch in dem, was jemand kriegt, hat das System modernen Marketings nichts mehr mit dem marktwirtschaftlichen Erfordernis rationaler Nachfrageentscheidungen gemein. Werbung tut alles andere, als Informationen über verschiedene Produkte zu liefern und sie so rational vergleichbar zu machen. Ganz früher bedeutete eine Marke, daß man eine bestimmte Qualität der Ware erwarten konnte. Heute haben Marken nur noch mit Imagewerbung zu tun und nichts mehr mit den tatsächlichen Eigenschaften eines Produktes. (Mit Ausnahme des Preises. Der ist nämlich höher.)

Und damit kommen wir zu meinem ganz profanen Problem: Ich würde mir gerne eine Zigarette anstecken. Das Feuerzeug ist leer, deswegen soll mir eine Schachtel Europa-Zündhölzer helfen, die ich irgendwo mitgenommen habe. Kenne ich noch von früher: Das waren seinerzeit simple Streichhölzer, die zuverlässig getan haben, was man von ihnen wollte - Feuer geben. An der Streichholzschachtel, die jetzt vor mir liegt, fallen mir zwei Dinge auf, die neu sind. Erstens: Die Streichhölzer sind beschissen. Sie brechen ab oder krepieren. Zweitens: Hinter dem Namen steht jetzt "TM". Markenzündhölzer, geschützes Warenzeichen, mit Brief und Siegel. Alles wunderbar, nur brennen tun sie nicht. Marx hätte seine Freude dran.

Labels:

10.2.08

Fröhliche Wissenschaft reloaded

Ach mein Gott, was könnte man nicht alles erforschen! Die Frage klären, woher wir kommen oder wahlweise, wohin wir gehen. Ein Heilmittel gegen Krebs erfinden oder wenigstens eine Impfung gegen den Eintritt in die Junge Union. Versuchen, das Leben zu verstehen, die Zeit, das Sein und das Nichts. Warum beschäftigt man sich dann stattdessen mit der Frage, welche Länge der Beine am attraktivsten wirkt? Weil's mehr Spaß macht? Weil's einfacher ist? Oder weil man mit den Themen, mit denen Mario Barth Olympiahallen füllt, nicht vollkommen daneben liegen kann?

Zum Beispiel damit: "Was Frauenstimmen so richtig anziehend macht - Die Attraktivität hängt neben der Stimmlage auch vom Gesagten ab". Daß dabei überhaupt berücksichtigt wird, daß sich in den Geräuschen, die Frauen produzieren, auch Inhalte verbergen, ist wohl ein Zugeständnis an die Errungenschaften der Emanzipationsbewegung. Ansonsten müßte man angesichts des Standes der Forschung glatt im Kalender nachsehen, welches Jahrtausend wir gerade haben: Hohe Frauenstimmen werden von vielen Männern als besonders attraktiv empfunden, da sie Jugend und Fruchtbarkeit suggerieren. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dies ein für die Fortpflanzung sinnvoller Mechanismus ist, da dem Menschen nur begrenzt Zeit und Ressourcen zur Verfügung stehen und er deshalb nicht wahllos Fortpflanzungsversuche unternehmen kann.

Andererseits: wahllose Fortpflanzungsversuche - klingt das nicht wie ein Buchtitel von Michel Houellebecq? Und Fortpflanzung und Fruchtbarkeit sowieso immer nach Ursula von der Leyen? Insofern doch wieder irgendwie modern. Und modern, das können sie schon auch sein, die Forscher von heute:

Gutes Marketing geht sofort ins Hirn: Bei Menschen, die beim Ausprobieren eines Produkts beste Qualität erwarten, werden Hirnregionen aktiv, die für subjektives Wohlbefinden zuständig sind. (...) Aus diesen Ergebnissen ließen sich auch für das Marketing wertvolle Erkenntnisse ziehen, schreiben die Forscher in ihrer Analyse. So habe die Studie gezeigt, wie gering der Zusammenhang zwischen dem subjektiven Erleben eines Produkts und seinen tatsächlichen Qualitäten sein kann und wie direkt die Erwartung guter Qualität die emotionalen Zentren im Gehirn der Konsumenten anspricht (Hirnforschung - Warum Luxus glücklich macht).

Das ist doch mal anwendungsorientiert, das lob ich mir! Überhaupt sind mit all den neuen Neuro- und Biotechnologien den Anwendungsmöglichkeiten keine Grenzen mehr gesetzt: Forscher wollen Alkoholismus in Zukunft mit einer Gentherapie behandeln. Einen Ansatz lieferten nun Laborversuche mit Ratten, bei denen die Wissenschaftler ein Gen abschalteten, das für den Alkoholabbau zuständig ist. Die auf die Droge trainierten Tiere reduzierten nach einer solchen Behandlung drastisch ihren Alkoholkonsum (Genforschung - Trocken durch Gentherapie). Vielleicht ist es doch nicht so verkehrt, lieber über lange Beine zu forschen. Das ist wenigstens harmlos.

Labels:

Alle Einträge

Archiv

September 2004  •  Oktober 2004  •  März 2006  •  April 2006  •  Mai 2006  •  Juni 2006  •  Juli 2006  •  August 2006  •  September 2006  •  November 2006  •  Dezember 2006  •  Januar 2007  •  Februar 2007  •  März 2007  •  April 2007  •  Mai 2007  •  Juni 2007  •  Juli 2007  •  September 2007  •  Oktober 2007  •  November 2007  •  Dezember 2007  •  Februar 2008  •  März 2008  •  April 2008  •  Juni 2008  •  Juli 2008  •  Dezember 2008  •  Januar 2009  •  Startseite