20.9.06

Reden ist Silber

Man kann lügen, aber wenn's dann doch rauskommt, ist meistens der Teufel los, siehe Ungarn. Man kann aber auch die Wahrheit sagen: "Einen gesetzlichen Mindestlohn wird es mit der Union nicht geben. Da können SPD und Gewerkschaften sich an uns die Zähne ausbeißen" (Ronald Pofalla). Wozu sollte das auch gut sein? "Ein Mindestlohn ist wirtschaftspolitisch total falsch" (Ludolf von Wartenberg, BDI; FR 20.09.2006:1). Stattdessen lieber drei Jobs gleichzeitig, um die Blagen zu ernähren, das ist dann wirtschaftspolitisch genau richtig.
Oder man kann schweigen: eine immer mehr in Vergessenheit geratende Tugend. Möglicherweise bleibt mir bald nichts anderes mehr übrig. Übermorgen zieht bei mir endlich DSL ein; der Router ist schon da, der DSL-Splitter und die ominösen Zugangsdaten aus der Bedienungsanleitung nicht. Die Zeit läuft. Mach's gut, Internet, war schön mit dir! Wir sehen uns dann vermutlich im November wieder.

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17.9.06

Das Ende der Geduld (Folge 1085)

Ungewöhnliche Probleme erfordern ungewöhnliche Lösungen. Insofern ist es nur konsequent, wenn George W., der Verteidiger der Freiheit, jetzt auch "die Regeln hinsichtlich der juristischen Auslegung der Genfer Konventionen zum Schutz von Kriegsgefangenen lockern (...), unter Zwang zustande gekommene Aussagen vor Gericht zulassen und Angeklagten als geheim eingestufte Beweismittel vorenthalten" möchte (FR 16.09.2006). Vielleicht übertreibt der Gute es aber auch ein bißchen, wenn schon Colin Powell festhalten muß: "Die Welt beginnt, an der moralischen Grundlage unseres Kampfes gegen den Terrorismus zu zweifeln". Beginnt? So kann man es auch nennen.
In einer Welt, die offensichtlich jeden Tag ein kleines Stückchen wahnsinniger wird, bleibt immerhin noch der Trost der sonntäglichen Lindenstraße; dort passiert wenigstens in der Regel eine halbe Stunde lang gar nichts. Leider trägt auch diese Sendung immer weniger zur moralischen Orientierung in unruhigen Zeiten bei. Nicht nur, daß seit Jahren kontinuierlich das Loblied der gleichgeschlechtlichen Liebe gesungen wird; seit "Tiger" Tom die Freuden des Hanfs entdeckt hat, brennen hier sogar Tüten auf Kinderspielplätzen. Gut, daß es Zuschauerinnen wie Christa gibt. Bereits ihr erster Satz in der Zuschauerpost vom 15.09 - "Heute muß ich auch mal meinen Senf zur letzten Folge dazugeben" - spricht mir aus der Seele, und es geht sogar noch weiter: "Zu Tom möchte ich sagen. Last ihn doch ein sozialen Jahr machen. am besten in einer Entzugsklinik, dann sieht er ja wie weit man mit Rauschgift kommt. So zum Schluß möchte ich noch sagen, daß die Lindenstrasse bitte noch viele Jahre weiterlaufen soll. Was sollen wie denn sonst Sonntagabend machen". Vielleicht mal gemütlich einen durchziehen? Anders ist das ja alles kaum zu ertragen.

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11.9.06

Erinnerung

"Ground Zero" steht eigentlich für den Punkt einer Bombendetonation oder eines Bombenabwurfs. Lange Jahre wurde dieser Begriff vor allem mit den beiden einzigen Atombomben assoziiert, die jemals gegen Menschen eingesetzt wurden. In Hiroshima und Nagasaki starben 150.000 Zivilisten unmittelbar an den Folgen des Bombenangriffs, etwa 200.000 weitere an den Spätfolgen. Japaner.
Ich bin 1973 geboren, eine Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, gleichzeitig aber zu einer Zeit, in der in Vietnam eben erst damit aufgehört wurde, Napalm über Dörfer und ihre Bewohner zu kippen. Bis zu vier Millionen Zivilisten kamen durch diesen Krieg ums Leben. Vietnamesen. Am 11. September desselben Jahres, 1973, wurde die demokratisch gewählte Regierung Salvador Allendes in Chile durch einen Militärputsch mit Billigung bis Unterstützung der CIA und der US-Regierung gestürzt. Die von den Vereinigten Staaten unterstützte Militärdiktatur tötete zehntausende Menschen. Chilenen. Während des kalten Krieges erlitten viele weitere lateinamerikanische Staaten ein ähnliches Schicksal; die Zahl der Opfer betrug wohl insgesamt mindestens 100.000, nicht mitgezählt Überlebende der Folter. Mittelamerikaner, Südamerikaner.
Am 11. September vor fünf Jahren flogen zwei entführte Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Centers, zwei- bis dreitausend Menschen starben durch den Aufprall und den Einsturz der Gebäude. Zum größten Teil US-Bürger. Ein beispielloses Verbrechen. Der größte Massenmord der Geschichte. Ein Angriff auf die Werte der Zivilisation.

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10.9.06

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Rhein-Neckar-Edition)

Der "Wochen-Kurier" macht mich fertig. Früher hoch verläßlich und orientierungsspendend - nahezu keine Woche verging ohne Bashing des Außenministers "Joseph Fischer" und ohne Foto des leider nicht sonderlich fotogenen CDU-Abgeordneten Karl A. Lamers -, erlaubt das Anzeigenblatt seit einiger Zeit nicht nur nachvollziehbare Ansichten im Editorial, sondern verwirrt die Leser zunehmend auch ansonsten mit der Multioptionalität einer pluralen Gesellschaft. Soll man nun die Wahl der Miss Eppelheim besuchen, veranstaltet von der "Guggemusik Eppler-Samba-Hase e.V.", sich in der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte über die Verbrechen der Wehrmacht in Polen kundig machen, oder sich doch lieber die eine Seite zuvor besprochene neue Motörhead-CD "Kiss of Death" anhören? Oder sicherheitshalber gleich alles machen?
Noch eine weitere Alternative wurde mir dieser Tage angetragen; eine jener Veranstaltungen, bei denen man hofft, daß irgend jemand (wenn schon nicht man selbst) hingehen möge, weil alles so rührend ausgedacht ist: "100 Jahre Rangierbahnhof Mannheim" werden nächsten Samstag begangen, mit Programmpunkten wie Fahrzeugschau von Feuerwehr, Güterwagen und Lokomotiven, Lokrundfahrt und Stellwerksbesichtigung. Ein herzwerwärmendes Stück "alte Bundesrepublik" (Renate), die man in den Zeiten des globalisierten Wahnsinns doch manchmal arg vermißt. Aber wieso heißen die Stände der Bahn-Betriebskrankenkasse und der Stiftung Bahn-Sozialwerk "Infopoints"? Weshalb prangt auf dem Faltblatt das Logo von "Railion DB Logistics"? Warum ist der Mannheimer Rangierbahnhof das "Herzstück der Produktion im Cargo Zentrum Mannheim", und was ist mit dem Bindestrich des Cargo Zentrums passiert? Vielleicht gehe ich doch hin und finde es raus: 16.09.2006, 11:00-18:00, wie ein von Hand ausgeschnittenes und aufgeklebtes Zettelchen auf dem Umschlag verrät. Alleine schon deswegen.

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5.9.06

Occam's Razor

Mit dem Entwurf für das neue Verbraucherinformationsgesetz "zeigt die große Koalition, auf welcher Seite sie steht" (taz 05.09.06): "Gerade weil die Industrie den Pranger fürchtet, erfanden die Gesetzgeber das Betriebsgeheimnis. VerbraucherInnen dürfen alles erfahren - außer dem Betriebsgeheimnis": beispielsweise, wo das verdorbene Fleisch gelandet ist. Das erinnert mich an eine Geschichte vor ein paar Wochen im SPIEGEL, in der es um die Weigerung der zuständigen Landesbehörde ging, Informationen über die Belastung von Wasser (verwendet unter anderem für Babynahrung) herauszurücken - alleine zum Schutz der abfüllenden Firma, ohne daß die Rechtslage dieses Vorgehen erfordert hätte. Die Behörde fühlte sich nicht der Gesundheit der Bürger des Landes verpflichtet, in deren Auftrag sie operiert, sie fühlte sich einem bestimmten Wirtschaftsunternehmens verpflichtet. Auf welcher Seite stand diese Behörde? Nicht auf deiner. Nicht auf meiner.
Nehmen wir einmal an, hierbei handele es sich um eine grundsätzliche Regel: Politik und Verwaltung schützen nicht die Interessen der Bürger, sie schützen die Interessen von Firmen. Plötzlich sind all die Rätsel, die sich dem interessierten Zeitungsleser täglich stellen, gelöst: Warum werden immer noch Steuersenkungen für Unternehmen als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit propagiert, obwohl sich ein Zusammenhang von Steuersenkungen und Beschäftigungssteigerung empirisch nicht nachweisen läßt? Warum muß alles auf Teufel komm raus liberalisiert werden, auch wenn sich für den einzelnen nur Verschlechterungen daraus ergeben? Warum ist der abstrakte Standort so viel wichtiger als das Wohlergehen der konkreten Standortbewohner? - Ach so.
Zu vereinfachend gedacht? Erkenntnistheoretisch befindet man sich in guter Gesellschaft, wählt man die einfachste von mehreren unterschiedlichen Erklärungen für ein Phänomen, solange keine Widersprüche auftreten. Tag für Tag warte ich darauf, endlich einen saftigen Widerspruch zu dieser Regel zu hören, aber es kommt keiner. Oh, Moment; doch, da ist einer: Wir leben ja in einer Demokratie, also kann das alles gar nicht sein. Wie konnte ich das nur vergessen?

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1.9.06

Alternativen

Oh, schön: Die SPD will sich nun auch verstärkt um die "Leistungsträger" kümmern. Das wäre dann die vierte Partei (die Grünen mit eingerechnet) von fünfen im Parlament mit dieser Zielsetzung, denn "Wahlen werden immer in der Mitte gewonnen" (FR 01.09.2006:5). So macht Demokratie Spaß! Wie war das gleich noch mit der Dissidenz?

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