30.11.07

Fehler im System

A propos "Wettbewerb hieß früher, daß man eine Wahl hat": Vor vielen Jahren konnte man beim Kauf einer Bahncard ankreuzen, ob man eine automatische Verlängerung wünscht oder nicht. Dann kam der harte Wind des Wettbewerbs, der dazu führte, daß die Bahn heute ein weltweit führender Logistik-Dienstleister sein möchte statt eine popelige Einrichtung, die dem lächerlichen Zweck dient, Leute von A nach B zu transportieren. Zu den unglaublichen Vorteilen, die eine marktwirtschaftlich entfesselte Bahn dem Kunden bringt, gehört auch, daß man sich nicht mehr gegen eine automatische Bahncard-Verlängerung entscheiden kann, sondern gleich ein Zwangsabonnement nehmen muß. Das könne man aber gleich wieder kündigen, ganz problemlos, wurde mir vor ungefähr einem Jahr beschieden, allerdings erst nach Erhalt der Bahncard, ich müsse nur die Hotline für 14 Cent pro Minute anrufen. Auf Nachfrage wurde mir sogar ein kostenloser Weg eröffnet: einfach ein formloses Schreiben am Fahrkartenschalter abgeben, alles kein Problem. Nach so vielen Beteuerungen absoluter Problemlosigkeit war ich nicht besonders überrascht, vor anderthalb Wochen meine automatisch verlängerte Bahncard im Briefkasten vorzufinden.

Es war klar: An irgendeinem Punkt erwischt dich die kostenpflichtige Hotline doch. Ungefähr drei Mark später (inkl. 42 Cent für drei automatische Ansagen, das System sei überlastet) erfuhr ich, mein Schreiben läge durchaus vor, es könne jedoch sein, daß bei einer Systemumstellung im März ein Fehler usw. usf. Ich müsse nur die Bahncard zurückschicken, ganz problemlos, und selbstverständlich würde ich eine Bestätigung erhalten. Auf die warte ich nun seit einer Woche, während der ich regelmäßig zur Bank renne, um zu sehen, ob unterdessen die Gebühr für die Bahncard, die ich nicht wollte und die ich nicht einmal mehr habe, ganz problemlos abgebucht worden ist.

Was ich an der ganzen Angelegenheit bemerkenswert finde: Wie die Kundenfeindlichkeit, die man aus der Telekommunikationsbranche kennt und die dort "branchenüblich" ist: Verträge, aus denen man nicht mehr ohne größeren Aufwand herauskommt, unerklärliche Fehler in der Datenverarbeitung, die sich nur mit Hilfe überteuerter Hotlines lösen lassen, Kleingedrucktes, das auf maximale Unleserlichkeit hin optimiert ist, wie das alles langsam wirtschaftsüblich wird - und wie man sich schon daran gewöhnt hat.

Wer sichergehen will, daß er als Kunde bekommt, was er möchte, und nur das, wird über kurz oder lang nur noch Geschäftsbeziehungen eingehen können zu Menschen, die er persönlich kennt, Menschen, die einen beraten können ohne Sternchen hinter jedem Satz, die auf kleingedruckte Haken verweisen, Menschen, mit denen man sprechen kann, ohne daß der Gebührenzähler mitläuft, Menschen, bei denen man zur Not auch reklamieren kann, ohne auf das Funktionieren eines Computersystems und die Sachkenntnis des "nächsten freien Mitarbeiters" vertrauen zu müssen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Denn das sind genau die Menschen, die ihren Laden in naher Zukunft aufgeben müssen, weil der Wettbewerb sie plattmacht. Dir bleibt die Alternative, dich entweder von dem einen oder dem anderen Großkonzern über den Tisch ziehen zu lassen. Immerhin: Du hast die Wahl.

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Wer nichts zu verbergen hat ...

... hat auch nichts zu befürchten.

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29.11.07

Fortsetzung folgt

Eine Pressekonferenz mit dem schönen Titel "Deutschland auf dem Weg zur rauchfreien Gastronomie - Ausnahmen gefährden die Gesundheit und den Wettbewerb" droht das DKFZ für den 5. Dezember an. Gesundheit und Wettbewerb - schamloser hätte sich Frau Pötschke-Langer eigentlich nur an den Zeitgeist anbiedern können, wenn sie es geschafft hätte, auch noch das Wort "Wellness" irgendwo unterzubringen. Mit den "Ausnahmen", die bekämpft werden sollen, sind übrigens die Raucherräume in den Gaststätten als einziges Überbleibsel früherer Kneipenkultur gemeint. Vielleicht sollte man einen Besuch der Pressekonferenz tatsächlich in Erwägung ziehen, um dort wenigstens die Frage zu klären, ob's denn nicht irgendwann auch mal reicht. Es sieht allerdings nicht danach aus. Nachdem Nichtraucher gesetzlich auf jede erdenkliche Art und Weise geschützt werden, geht es jetzt offenbar ganz unverblümt gegen die Raucher. Wäre es nicht eine Option, uns an irgendeinem Punkt einfach in Ruhe zu lassen? Zu meiner Zeit galt "Leben und leben lassen" noch als Tugend, aber das ist lange her. Wer sich erinnert: Es war die Zeit, als "Wettbewerb" noch hieß, daß man eine Wahl hat.

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21.11.07

Raucherkneipen verbieten! Heizpilze verbieten! Tabak verbieten! Raucher verbieten!

Als man im Herbst begann, die Raucher vor die Tür in die Kälte zu schicken (was ich dahin nur aus gewissen Privathaushalten kannte, wo man beim Betreten der Wohnung gebeten wird, die Schuhe auszuziehen), sagte Renate dem Heizpilz eine glorreiche Zukunft voraus, und der Plan, all unser Erspartes in die heizpilzfertigende Industrie zu investieren, scheiterte nur daran, daß wir kein Erspartes hatten. Heute muß man sagen: Glück gehabt. Naiv, wie wir waren, hatten wir nicht das volle Ausmaß des Paradigmenwechsels staatlicher Steuerung überblickt, der uns ins Zeitalter der willkürlichen Verbote geführt hat. Dem Stuttgarter Heizpilz-Verbot kann man noch zugutehalten, daß es bereits vom März stammt, als sich den schwäbischen Lokalpolitikern der Zusammenhang zwischen den kommenden Rauchverboten und einem zu erwartenden erhöhten Heizpilz-Bedarf möglicherweise noch nicht aufdrängte. Man muß aber kein Schelm sein (Raucher genügt), um Arges dabei zu denken, daß das Stuttgarter Beispiel jetzt flächendeckend Schule macht. Da und dort sollen Heizpilze à la Lukaschenko aus "ästhetischen Gründen" verboten werden, in der Regel aber - ganz zeitgeistig - aus Klimaschutzerwägungen.

"Heizpilze gehören zu den Dingen, die die Welt nicht braucht", heißt es von Greenpeace. Entschuldigung? Ich würde auch lieber weiter drinnen rauchen, aber wenn ich schon vor die Tür muß, was ich mir nicht selbst ausgesucht habe, dann brauche ich in der Tat wenigstens ein bißchen Wärme. Ganz abgesehen davon: Mir würden spontan ungefähr siebentausend andere Dinge einfallen, die die "Welt nicht braucht" und die die Umwelt schädigen. Ist es da nicht ein bißchen merkwürdig, ausgerechnet bei den Heizpilzen anzufangen? Wird denn jetzt alles, was Umweltaktivisten kritisieren, in Windeseile verboten, oder doch nur das, was aus anderen Gründen gerade in den Kram paßt? In diesem Fall müssen sich auch Sachaussagen politischer Opportunität beugen. Gebetsmühlenartig wird überall die Greenpeace-Zahl von vier Tonnen CO2 pro Heizpilz und Jahr wiederholt, auf die man allerdings nur kommt, wenn das Teil acht Monate im Jahr auf voller Leistung brennt. Aber egal. Es hat ja auch nie jemand nachgefragt, wie genau das DKFZ zu seinen exakt dreitausend Passivrauch-Toten im Jahr kommt. Hauptsache, es klingt gut.

Wenn ich einen überarbeiteten Anlagetip geben darf: Auf gar keinen Fall in irgendeine Branche investieren, deren Produkte und Dienstleistungen auch nur entfernt dazu dienen könnten, Rauchern das Leben angenehm zu gestalten. Dazu gehört natürlich die Gastronomie, die die Kombination Rauchverbot für drinnen und Heizpilzverbot für draußen endgültig fertigmachen dürfte. Und für die Zukunft: Finger weg von Feuerzeugherstellern. Wenn jemand ein Feuerzeugverbot bewirken will, reicht es, eine beliebige Zahl zu nennen, die den schädlichen Einfluß des Feuerzeugs auf Umwelt, Mensch und Tier beschreibt - Tonnen CO2, Schadstoffpartikel pro Kubikmeter Luft, da kann man seine Phantasie spielen lassen, wie beim Ausrechnen übrigens auch. Und nicht vergessen: Für Kinder, die in der Heizpilzdiskussion eigenartigerweise noch gar nicht aufgetaucht sind, sind Feuerzeuge auch gefährlich! Ich bin mir fast sicher, daß jemand von "Pro Rauchfrei" das schon aufgebracht hat, aber ich bringe es nicht über mich, dort nachzuschauen.

Die einzige Hoffnung: Vielleicht wird irgendwann im Verbotseifer aus Versehen auch das Rauchverbot verboten. Bis dahin bleibt nur: ohnmächtige Wut. Oder FDP wählen. Aber das geht vielleicht doch ein bißchen zu weit.

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